Sie sank am Fenster nieder und kühlte die heißen, zuckenden Finger am Glas der Scheiben. Das brachte sie zur Besinnung.

– Es waren Hirngespinste schlafloser Stunden – ohne Berechtigung. Ja mehr. – Eine Beleidigung für die Beste und Fürsorglichste, die niemals etwas Beschlossenes versäumt hatte. –

Sie begab sich wieder zur Ruhe und schlief nun traumlos und sanft, bis Pauline sie weckte.

„Stehen Sie schnell auf, Fräuleinchen. Herr Justizrat ist da und will mit Ihnen reden.“

Das kluge Gesicht des alten Juristen zeigte eine fremde Unsicherheit, als Eva von Ostried ihm gegenüberstand.

„Wundern Sie sich nicht über mein frühes Erscheinen,“ versuchte er sich zu entschuldigen. „Ich hätte ebenso gut bereits gestern um diese Zeit bei Ihnen sein können. Aber, es war mir zu unfaßbar. Ich konnte und wollte es nicht glauben.“

In ihr regte sich das Angstgefühl der verflossenen Nacht von neuem.

„Was ist geschehen, Herr Justizrat?“ Er zögerte mit der Antwort.

„Das Testament, wissen Sie –“ Er sah, wie sie erblaßte. Das gab ihm die Sicherheit zurück. „Ich habe vorgestern noch einmal darin Einsicht genommen. Es war mir freilich längst bekannt. Nach Besprechung mit Frau Präsident hatte ich es aufgesetzt. Ich erwartete aber einen noch nicht dem Wortlaut nach gesehenen Nachtrag – in Form eines Zettels oder meinetwegen eines Briefes. – Denn, es ruht noch nicht sehr lange beim zuständigen Amtsgericht. – Ich fand nichts. – Kurz – Sie sind darin nicht bedacht, Fräulein von Ostried.“ Eine Weile wartete er geduldig auf eine Entgegnung. Sie schwieg. Er hatte die starke Empfindung, daß er ihr darüber forthelfen müsse, ohne indes das rechte Mittel zu kennen.