„Ich habe Ihnen bereits gestern angedeutet, was ich aus ihrem Munde weiß. Eine harmlose Bemerkung allein ist das nicht gewesen. Sie bat mich damals auch, daß ich Ihnen zur Seite stehen möchte, wenn sie nicht mehr dazu imstande wäre. – Was anders kann sie gemeint haben, als daß ich Sie auch bei Anlegung des von ihr Ererbten beraten möge? – Meine Erkrankung – die Unmöglichkeit an dem Fest Ihrer Volljährigkeit zugegen zu sein. – Vielleicht ihre Reise. – Ja, das alles kann dazwischen gekommen sein. Und dennoch glaube ich auch jetzt an kein Aufschieben. – Ich sage da vielleicht etwas Sinnloses. – Ich müßte es eingesehen haben, daß irgend ein Zufall – sie an der Ausführung gehindert hat. – Gestern zog ich das noch überhaupt nicht in Betracht. Ich war sicher, daß sich unter den von mir aus ihrem Schreibtisch entnommenen Schriften eine Bestimmung zu Ihren Gunsten vorfinden mußte –“

Eva von Ostried hob den Blick. Ein entsetztes Fragen, das ihm ans Herz griff, lag darin.

„Und Sie – fanden – es endlich?“ Die Kehle war ihm wie eingerostet.

All diese Tausende und Abertausende – Heime und Stiftungen bekamen sie – gänzlich fremde, wenn auch bedürftige Menschen. Und diese hier – die sie geliebt, an der sie sich erfreut hatte – die sollte leer ausgehen?

Er riß sich zusammen. Es mußte doch geschehen.

„Nein, ich fand nichts, Fräulein von Ostried.“

Sie stand mit schlaff herabhängenden Armen vor ihm. Allmählich veränderte sich der Ausdruck ihres Gesichts und wurde schreckhaft starr, als sähe sie ein Gespenst. – Es war die Zeit, der sie entgegenging. – Schwer hing sich die Freudlosigkeit an ihre Glieder und machte ihre blühende Jugend frühzeitig welk und alt. Alles Hoffen versank mit diesem Schlag. –

Da war ein schnurgerader, sandiger Weg mit ungezählten spitzen Steinen. Den mußte sie gehen, weil es nach diesem keinen andern für sie gab. – Er tat sehr weh. – Aber nur ihr Blut floß. Das Leben blieb.

Sie wimmerte auf und wußte doch nichts davon. Dem alten Mann griff es ans Herz. Das lichte Bild seiner Freundin wollte sich verdunkeln.