„Wenn ich ihr doch helfen könnte,“ dachte er grimmig.

„Ich habe trotz meiner großen Einnahmen auch nur gerade so viel, als ich für mich und meine fünf Töchter brauche,“ sagte er in einem Ton, als schäme er sich dieser Wahrheit. „Sie wissen es durch unsere Tote. – Meinen beiden verwitweten Töchtern gebe ich die gesamten Mittel zur Fortführung ihres kinderreichen Haushalts – sonst –“

Sie hörte nur dies letzte Wort, das bedauerte, keine Almosen spenden zu können. Sie mußte also wie eine Bettlerin vor ihm stehen. Sonst hätte er das nicht zu sagen gewagt. – Ihre Muskeln spannten sich langsam an. Ihre Augen wurden stahlhart. Sie fühlte alle Peitschenhiebe, mit denen der Alltag ihrer wartete, voraus und bäumte sich dagegen auf.

„Ich besitze eigenes Vermögen, das mir der frühere Vormund durch Frau Präsident aushändigen ließ,“ sagte sie hochmütig. Eine Last glitt von seiner Brust. Sie hörte ihn aufatmen und mußte lächeln, weil er ihren Stolz so willig glaubte. –

„Gottlob – dann ist es ja doch nicht so hart, wie ich gefürchtet habe.“

„Durchaus nicht. Keine Sorge um meine Zukunft, Herr Justizrat!“

„Sie werden sich aber stets an mich wenden, wenn Sie irgend einen Rat gebrauchen sollten.“

„Sehr gütig von Ihnen. Hoffen wir, daß ich in keinerlei böse Lagen gerate –“ Ihre sonst melodische Stimme klang fast schrill. Ihr Lächeln wirkte maskenhaft. Er fuhr mit dem Taschentuch über die hohe, kahle Stirn. „Ich möchte noch gleich mit der alten Pauline wegen der von ihr zu wählenden Sachen verhandeln –“

Pauline war eigensinnig. Sie mochte von all den schönen, vielfarbenen Seidenkleidern der Präsidentin nur eins. – Und gerade das unmodernste und älteste, worin sie gestorben war.

„Anziehen werd’ ich’s natürlich nie,“ meinte sie, von neuem aufweinend, „denn sie hat’s noch mehr in Ehren gehalten, wie ihre andern –“