– – Eva von Ostried kniete vor der altertümlichen Kommode und raffte ihre Habseligkeiten zusammen. Ohne Ueberlegung warf sie alles in einen großen, sehr neu aussehenden Koffer. Die fieberhafte Ungeduld, möglichst schnell aus diesem Hause fortzukommen, trieb sie zur Eile.
Sie wollte keinen Bissen Gnadenbrot weiter annehmen, keine Bettelgabe begehren. Während sie sich das stolz und trotzig vornahm, fiel ihr Blick auf das, was ihr gehörte. Eine glühende Röte überzog ihr Gesicht. Wozu spielte sie Versteck mit sich? War nicht alles, was sie besaß durch die Güte der Verstorbenen geschaffen? Hatten ihr nicht deren zarte Geschenke und das liebevolle Erspähen ihrer geheimsten Wünsche alles beschert? Was blieb ihr, wenn sie darauf freiwillig Verzicht leistete? – Das Gefühl ihrer Ohnmacht gegenüber dieser Tatsache war so stark, daß sie nicht weiter schaffen konnte. Entsagung – Kampf und Armut lauerten überall auf sie als willkommene Beute. Denn was bedeuteten die armseligen tausend Mark Muttererbe?
Sie mußte auflachen. Es klang grell und schaurig in diesem hellen, freundlichen Mädchenstübchen. – Die Tränen schossen ihr in die Augen. Das weitere Leben war wertlos geworden. – Und dennoch – es fortwerfen, weil der goldene Traum der Künstlerhoffnung verwehrt war?
Unmöglich! In den Adern pochte die Jugend. Allein die Vorstellung, sterben zu müssen, schuf schon ein wildes Wehren dagegen.
Der sandige Weg mit den spitzen Steinen würde beschritten und – zu Ende gelaufen werden! – Ohne die geliebte Kunst!
War das überhaupt auszudenken? – Täglich fremden Launen zu dienen, stündlich Nadelstiche zu erdulden, bis alles Empfinden tot war? Amtsrat Wullenweber fiel ihr ein. Wenn sie ihn bitten würde? – Es war Wahnsinn mit diesem Gedanken auch nur zu spielen. – Auch Ralf Kurtzig, der alternde Meister, konnte ihr nicht helfen. Sie wußte durch die Präsidentin, daß er wohl Reichtümer eingeheimst, aber niemals aufzuspeichern verstanden hatte. Und ihr Studium war teuer. – Die ersten Lehrkräfte waren notwendig. Die Weiterbildung auch des Gehörs durch den Besuch der besten Konzerte blieb Erfordernis. – Gute und nahrhafte Kost, anständige Kleidung mußten auch sein – – Sie hatte erlebt, wie das Geld unter den Fingern zerrann. – –
Sie wollte alles begraben! – Als sie meinte, daß mit diesem Vorsatz das Hauptsächlichste geschehen war, packten sie Verzweiflung und Jammer so heftig, daß sie aufschrie und sich über ihre Noten warf...
Und doch – wenn nur der erste Schritt getan war!
Sie wurde nachdenklich – vergaß die begonnene Arbeit, riß den Hut vom Haken und drückte ihn auf das Haar. – Wenn sie hier fort wollte, mußte ein neuer Unterschlupf gefunden werden. – Und fort wollte sie. Je früher, desto besser. – Im Laufschritt eilte sie die breite, stille Straße hinunter. – Wollte zu der Zweigniederlassung der von der Präsidentin bisher gelesenen Zeitung, um ein Gesuch nach einer Stellung aufzugeben – vergaß dann aber sofort wieder diesen Vorsatz und eilte gedankenlos weiter, den wundervollen, schattigen Plätzen entgegen, an denen die prunkvollen Häuser der glücklichen Besitzer lagen.
Die Welt war klar, satt und durstlos. An stillen Seitenstraßen schienen die jungen Buchen zu bluten, als verschenkten sie freudig ihren Lebenssaft. Unbeschreibliche Sehnsucht nach einem Menschen, der sie in dieser Stunde haltloser Verzweiflung voll verstehen könnte, überkam Eva von Ostried. Sie wußte sich Niemand!