Ihre Schönheit hatte zu allen Zeiten glühende Bewunderer gefunden. Aber sie kannte sich selbst noch zu wenig, um schon zu wissen, daß sich lediglich ihre stark entwickelte Eitelkeit durch die unverhüllten Blicke der Leidenschaft befriedigt gefühlt.
Wäre es anders gewesen, hätte sie damals unmöglich Paul Karlsens gestohlene Zärtlichkeit als eine unerhörte Beleidigung empfinden können. Ihr Herz war bisher völlig unberührt geblieben. Ihre Frauensehnsucht suchte indessen unbewußt – an den lauten Huldigungen vorbei – nach den stillen Gassen, die zu dem Tempel reiner Liebe führen.
Und dennoch sträubte sie sich heftig gegen die Zumutung, die Krone des Frauendaseins einzig in der Ehe mit einem Manne zu suchen.
Plötzlich verlangsamten sich ihre Schritte. Lauschend neigte sich der Kopf. Rächten sich die Stunden der Aufregung und gaukelten ihr Töne vor aus jener Welt, die ihr von heute an verschlossen war. Oder gehörte die jauchzende Stimme hinter ihrem Rücken der Wirklichkeit an?
Ach, daß die Seele Dein meiner Seele sich eine,
Du teures Kind, laß mich Deine Augen sehn.
In diesem weißen Kleid, mit diesem Heiligenscheine
Bist Du ein Engel aus Himmelshöhen.
Sie wollte dem wohlbekannten Liebeswerben Wilhelms entfliehen, stürzte weiter und stand doch im nächsten Augenblick durch den lockenden Ruf bezwungen, wie gebannt still.
Zwei Hände rissen die ihren, die kalt und matt gewesen, an sich.