„Ich gehe fort von Berlin.“

„Ah!“ machte er enttäuscht, „wohin denn? Berlin bietet doch die besten Ausbildungsmöglichkeiten. Auch kann man hier gar nicht anders, als sehr brav sein. Ich habe mirs vor allen andern Städten ausgesucht. – Ob gerade darum? Nein, das zu behaupten wage ich doch nicht. – Wissen Sie, nun ist’s entschieden. Don Karlos – Meister Heinrich und die verehrten blutigen Könige des nämlichen Namens mit aufsteigender Numerierung sind tot und feierlich begraben. – Vor Ihnen steht der künftige erste Heldentenor der Welt.“ Sie empfand brennenden Neid, schämte sich der Aufwallung und fragte hastig:

„Wie ist das möglich geworden?“

„Tja –“ machte er und schwippte leichtsinnig mit den Fingern durch die Luft, „es hat sich halt endlich eine unversiegbare Goldader auffinden lassen.“

Sie ahnte nicht, daß immer noch der Neid aus ihren wundervollen, leidenschaftlichen Augen sprang. Ihm entging es nicht. Er spielte seine Rolle ausgezeichnet – hielt sich fest im Zügel, wenn er sie auch noch bezaubernder als damals in Oeynhausen fand.

„Und Sie – wie weit sind Sie gekommen? – Ihnen fehlte nicht mehr viel zur künstlerischen Reife!“

Ihre Hand ballte sich in ohnmächtigem Zorn. Er am wenigsten durfte etwas von ihren jähzerstörten Hoffnungen ahnen. Sie schämte sich ihrer Armut.

„Ich? – Nun, es wird sich bald genug etwas für mich finden lassen. Ich kann nur noch vorläufig zu keinem festen Entschluß kommen.“

Er betrachtete sie heimlich und bemerkte einen bittern fremden Zug, der vor wenigen Monaten bestimmt noch nicht dagewesen war. Sie erschien ihm plötzlich wie ein Becher aus edlem Kristall, der alles offenbart. Auch sie spielte ihm eine Komödie vor. Aber, sie spielte sie nicht glaubhaft genug. Ihr mußte entschieden etwas geschehen sein, das sie gedemütigt hatte. Ihr Stolz, der ihn anfangs entflammte, ehe er ihn unbequem und zuletzt lächerlich gefunden, war in diesem Augenblick unecht. Aber er wollte sie ein wenig quälen.