„Sie können es ihr ja heute gleich vorschlagen. Ich fürchte nur, es bleibt wirkungslos, wie alles, was ich bereits zu ihrer Zerstreuung versucht habe. Dabei ist sie, wie mir Franz zuverlässig berichtet, sehr oft den ganzen Tag allein. Der Hausherr kommt lediglich zu den Hauptmahlzeiten und dann nicht etwa pünktlich. Nun, der Zustand anhaltender Einsamkeit wird bestimmt abgestellt werden. Um keinen Preis darf sie mir versauern. Ich werde eine möglichst gleichaltrige Gesellschafterin aus vornehmer Familie für sie nehmen. Die Aerzte haben mir wiederholt von der Notwendigkeit, sie froh zu erhalten, gesprochen.“
„Sie sind zwar eine ebenso kluge wie tatkräftige Frau, meine Liebe. Indes keine Zauberin. Ich muß Ihnen sagen, daß ich weder an Elfriedes längeren Besuch noch an das Dulden der neuen Hausgenossin glaube.“
„Vorläufig bin ich in beiden Fällen zuversichtlich. Das Gesuch nach einer Gesellschafterin ist heute bereits in den gelesensten Tageszeitungen erschienen. Da der künftige Herr Kammersänger keine Zeit hat, auch noch den Inseraten seiner Zeit einen Blick zu gönnen und meine Tochter daheim niemals auf diesen Gedanken kam, bin ich sicher, daß sie bisher nicht das Geringste von meinem Plan ahnen. Verkehr in Elfriedes altem Kreis haben sie nicht. Diese Menschen gehen nämlich meinem Herrn Schwiegersohn, wie ich aus Elfchens gelegentlichen schüchternen Bemerkungen entnehme, auf die Nerven. Also, wer sollte ihnen meine Fürsorglichkeit verraten haben?“
„Ist es nicht gefährlich bei der mir geschilderten Veranlagung Ihres Schwiegersohnes ihm so ganz mühelos ein weibliches Wesen ins Haus und an den Familientisch zu bringen?“
„Was wollen Sie? Sucht er, wird er stets finden. Was allzu bequem gemacht wird, reizt gewöhnlich am wenigstens. Zudem – müssen sich alle Bewerberinnen bei mir melden. Ich werde sie mir sehr genau betrachten – ihre Verhältnisse und, wenn irgend möglich, auch ihre Veranlagung untersuchen und dann hoffentlich eine gute Wahl treffen.“
„Wenn sie Ihnen nun aber, mit vereinten Kräften, nicht gestatten, die gütige Vorsehung zu spielen?“
„Daß meine Elfriede sich zuerst dagegen auflehnt, weiß ich sogar bestimmt. Sie ist rührend bescheiden und macht für ihre Person keinerlei Ansprüche. Es wird ihr gräßlich sein, zu der ihr bereits aufgedrungenen Jungfer noch eine zweite Umsorgerin zu benötigen. Was will das aber sagen? Ihr schwacher Einspruch wird unstreitig an der feurigen Zustimmung ihres Mannes sterben, wenn er es nicht bereits unter der klugen Anwendung meiner Mittelchen getan hat. – Ihm wird diese Lösung außerordentlich genehm sein. Dann braucht er nicht mal mehr den guten Willen zum halbwegs pünktlichen Erscheinen bei Tisch aufzubringen, denn daß er ihn auch nur einmal in die Tat umgesetzt hat, glaube ich bei seinem Egoismus keinesfalls.“
„Ich bewundere Ihre Klugheit aufrichtig, Frau Eßling.“
„Es ist nur die folgerichtige Einsicht von notwendig gewordenen Uebeln, deren schädliche Wirkungen ich mich bemühe, so gut es gehen will, von meinem Kinde abzuwenden. – Hören Sie! Ist das nicht ihr Schritt? Nein – ich irre mich nicht. Das Ohr der Mutter ist scharf. Aber – was ist das? Sie kommt nicht allein? Da ist doch das unverschämte Lachen ihres Mannes. Sollte er ausnahmsweise die Gnade haben?“ –
Es war, als lege sich plötzlich über die strengen, steifen Formen der schweren Möbel ein warmer Glanz. Die alten Nippes in der Servante begannen leise und vergnügt zu klirren. Im Nebenzimmer streckte sich der rotbemützte Kopf des grüngefiederten Papageis blitzschnell empor. Das ehrwürdige Zimmer war erfüllt von dem Schmelz der weichen Männerstimme.