„Es soll sich nur um eine kurze Zeit handeln, Karlsen. Sagen wir – um drei bis vier Tage! Wirklich nicht länger.“
Er machte den Eindruck eines Menschen, der aufmerksam eine unliebsame Angelegenheit in Erwägung zieht. Daß er nicht sogleich antwortete, sondern – wie um Beherrschung ringend – mit gesenktem Blick auf seine wohlgepflegten, schöngeformten Hände herabsah, gefiel der Konsulin ausnehmend gut. Dann meinte er bitter:
„Ich habe Ihre Neigung nicht, Schwiegermama. Das weiß ich natürlich und hätte mich gehütet auch nur ein Wort darüber zu verlieren, wenn diese Sache nicht gekommen wäre. Jetzt lassen Sie mich darüber sprechen. Glauben Sie, es wirkt erziehlich und macht edler, was Sie doch beabsichtigen, wenn Sie mich dauernd Ihre Abneigung fühlen lassen? O nein – aber Verbitterung und Trotz können sehr wohl daraus entstehen. Bedenken Sie die Folgen, die wiederum das haben kann. – Nicht so schnell. Nein, meine Liebe zu Elfriede läßt mich eine ganze Menge geduldig ertragen. Aber – letzten Endes ist man doch nur ein schwacher Mensch. Und ich bin und bleibe noch dazu ein Komödiant. Einer, der gern Theater spielt, blendet, täuscht, nicht wahr – so schätzen Sie mich doch ein?“
Die Kommerzienrätin sah ihn unsicher an.
„Sie sind zu ehrlich, um mir zu widersprechen, Frau Schwiegermama und ich, nun ja, ich war bis heute zu unehrlich, um gerade heraus zu sagen, daß ich mich tausendmal wohler in einer kleinen, bescheidenen Mietswohnung mit einem Mädchen für Alles fühlen würde. Der von Ihnen errichtete Tempel, in dem nicht mal die Sonne gern weilt, ist mir viel zu unbehaglich. Der alte Leisetreter von Diener stört mich. Nicht, wie Sie triumphierend meinen mögen, weil ich seine Späheraugen fürchte, sondern nur, weil mir dies Gesicht in seiner Maskenhaftigkeit zuwider ist. Und wenn es nach mir ginge, machte ich Ihnen eine tiefe Verbeugung und schlüpfte mit meinem lieben Schatz irgendwo – meinetwegen im hohen Norden Berlins – unter. Aber sehen Sie, das durchzubiegen bringe ich nicht übers Herz. Nicht Elfchens wegen. Denn schließlich bin ich ihrer Gegenliebe sicher. Ich habe aber ebenfalls eine Mutter gehabt, Frau Kommerzienrat, und wenn die auch nur eine schlichte, bescheidene Frau gewesen ist – sie war ebenso stolz auf mich und hing mit genau derselben Liebe an mir, wie Sie jetzt an Ihrer Tochter. Und nur darum, das betone ich ausdrücklich – gebe ich meine Erlaubnis zu dem vorübergehenden Verweilen meiner Frau unter Ihrem Dach. Erinnern Sie sich gefälligst. Als wir beide uns neulich zufällig trafen, nahmen Sie nicht Elfriedes bleiches Aussehen, an dem ich vielleicht schuldig sein könnte, zum Vorwand für diesen Besuch, sondern Sie versuchten mich durch ihre eigene Kränklichkeit zu rühren. – Der Komödiant – in mir sagt leise: „Sieh an, sie kanns fast noch besser wie du.“ Der Mann, je nun, dem war der krumme Weg just nicht angenehm. – Aber diesen Mann haben Sie sich ja bisher niemals die Mühe genommen, kennen zu lernen. Einen Augenblick – ich komme gleich zu Ende. – Elfriede mag getrost bei Ihnen bleiben, solange sie will. Mich aber müssen Sie jetzt entschuldigen. Wie Sie mich einschätzen, werde ich unverzüglich meine vorübergehende Freiheit gehörig ausnutzen wollen. Also – nicht wahr, Sie haben nichts gegen mein Verschwinden. Im übrigen hoffe ich, daß der edle Stratege Franz während Elfriedes Abwesenheit brav und zuverlässig seine Pflicht als Geheimpolizist erfüllt –“
Die Kommerzienrätin rang um ein gutes oder wenigstens versöhnliches Wort, denn die Schlichtheit des Gesagten hatte mehr Eindruck auf sie gemacht, als sie sich eingestehen mochte. Ihre starre Natur suchte vergeblich danach. Und die Hand, die sie ihm entgegenhielt, übersah er. Nur seine Frau nahm er in die Arme und küßte sie herzhaft auf den Mund.
„Wiedersehen, Kleines! Ich schicke dir am besten sogleich deine Zofe rüber. Erbarme dich und nimm sie, ja? Was soll ich mit all den Wachsfiguren.“
Sie schmiegte sich zärtlich an ihn und flüsterte:
„Paulchen – mir ist ganz wirr. – Lange halte ich die Trennung von dir doch wohl nicht aus.“ Und er gab ebenso zurück: