Wie dann die neuen Formen der Architektur immer mehr Verbreitung finden, ahmt der Schreiner den Aufbau und die Art der Dekoration der großen Architektur an den Schränken nach, teilt sie durch Pfeiler, Säulen, Lisenen und bringt sogar Fenster und Tore an. Anders ist es in Norddeutschland, wo sich die alte gotische Form länger erhält. Der Schrank baut sich hier aus drei oder mehr übereinander befindlichen Fächern auf. Das zum Schmucke der Flächen verwendete Faltwerk wird durch Schnitzereien, deren Motive der Ornamentik der Renaissance entnommen sind, verdrängt. Die Vorwürfe für die figürlichen Darstellungen sind meist der Heiligen Schrift entnommen. Erst spät kommen in Norddeutschland Schränke vor, an denen einzelne Motive der Architektur entlehnt sind. Der französische Schrank der Renaissancezeit ist von derselben Bauart wie der süddeutsche, er besteht aus zwei übereinandergestellten doppeltürigen Kasten, doch finden wir im Gegensatze zum geraden Gesimse des deutschen Schrankes meistens einen Giebelaufsatz oder einen andern dekorativen Abschluß. Die Flächen sind mit Schnitzereien, die häufig antike Vorwürfe behandeln, reich verziert, in der Mitte der Türen ist oft ein vorspringender Kopf angebracht. Große Verbreitung findet in Frankreich der Stollenschrank, ein an die Wand anzustellendes Kästchen von mäßiger Höhe, das vorne von zwei Füßen, den sogenannten Stollen, rückwärts von einer Wand getragen wird.
Hier ist noch der Kabinettschrank zu erwähnen, ein Schrank, der eine größere Zahl von Laden enthält und zur Aufbewahrung von besonders wertvollen Sachen benützt wurde. An ihm finden wir alle Arten der Verzierung: Intarsia, Marmorplatten, Vergoldung etc. verwendet. Er wird später auf einen tischartigen Aufbau gesetzt und dient als Prunkschrank. Die ältesten Stücke stammen aus Italien und Spanien.
Die Form des Tisches zur Zeit der Gotik erhält sich auch in der Renaissancezeit, nur werden natürlich die beiden Seitenwände in der mannigfachsten Art mit Renaissancemotiven geschmückt. Besonders in Frankreich wird der Tisch sehr prunkvoll ausgestattet, in Deutschland ist seine Form eine einfachere. Tische, die auf vier freien Füßen ruhen, sind zu dieser Zeit noch selten.
Die Sitzmöbel nehmen im XVI. und XVII. Jahrhundert die verschiedensten Formen an. Das Sitzbrett ruht auf vier freien Beinen und trägt eine oft mit Schnitzereien verzierte Lehne. Das ist der einfache Sessel. Eine bequemere Form seit dem Beginne des XVII. Jahrhunderts ist der Armsessel mit Armlehnen, häufig auch mit gepolstertem Sitze und gepolsterter Rücklehne mit reich verziertem Rahmen. Die Füße sind durch ein System von Querhölzern verspreizt.
Schrank mit Intarsien von David Roentgen aus Neuwied, um 1780
⇒
GRÖSSERES BILD
Das Bett ist in seiner Form dasselbe geblieben, nur der Baldachin wird von vier, vom Kasten des Bettes aufragenden Säulen getragen. Die Kopf- und Vorderwand werden mit Schnitzereien versehen.
Gegen das Ende des XVII. Jahrhunderts treten in dem Baue der Möbel einige bedeutende Änderungen auf. Die wichtigste neue Form ist der zweitürige Schrank. Hatte man bis jetzt die Kleider liegend in Truhen oder in großen Schrankfächern verwahrt, so werden sie jetzt in den Kasten aufgehängt, wodurch ein hoher Raum nötig wurde. Diese Form des Kastens bleibt für die Zukunft die herrschende.
Im XVII. Jahrhundert tritt eine neue Art des Ornamentes, das sogenannte „Ohrmuschelornament“, das oft über das ganze Möbel sich hinzieht und aus unregelmäßigen, einer Ohrmuschel ähnlichen Motiven besteht, auf. Auch das „Furnieren“ der Möbel beginnt um diese Zeit. Es werden nämlich dünne Platten kostbaren Holzes auf den von billigeren Holzarten verfertigten Kern aufgeleimt, eine Art der Verzierung, die der Intarsia den weitesten Spielraum bietet.