Die ältesten Stücke der Sammlung gehören dem Anfange des XVI. Jahrhunderts an. So die große Schale, in der Mitte unten, mit netzartigen Falten, auf der unteren Seite bemalt mit einer mythologischen Szene in der Mitte und vier Brustbildern und Blattornamenten auf dem Rande, ferner die Schalen und der Pokal mit Goldrand und Perlenornament, im Charakter orientalischer Dekorationsweise. Spätere Typen sind die vier Deckelschälchen, besetzt mit mittels der Formzange gepreßten Rosetten und Löwenköpfchen. Im oberen Fache repräsentiert ein konischer Becher mit einem auf einem Seeungeheuer reitenden Meerweib die bunte Emailmalerei, während ein Faltenpokal, von drei Reifen umschlossen, noch an gotische Formen erinnert. In der Mitte auf hohem Sockel steht ein Pokal mit Goldranken und dem Wappen des Erzbischofs Mathias Lang von Salzburg (1509-1540). Da die Haller Fabrik 1534 gegründet wurde und erst 1550 zu voller Blüte gelangte, dürfte dieser Pokal das älteste noch vorhandene Erzeugnis der Haller Glashütte sein.
Weitere Haller Gläser sind die daneben stehenden hohen, walzenförmigen Pokale, beide mit dem Diamanten geritzt, einer davon auch mit dem charakteristischen Haller Dekor in Gold und kalten Farben (Grün und ein bräunliches Rot). Ein weiterer Haller Walzenpokal aus dunkelblauem Glase mit gerissenem Rankenwerk, auf dem sich Spuren von Vergoldung befinden, auf dem unteren Stellbrett. Vor dem Haller Pokal mit dem Wappen ein Venezianer Schälchen mit Aventurin-Glasfäden, überdies Traubenflaschen, kleine Vasen und Fadengläser aus Murano.
An der Fensterseite folgen nun sechs quergestellte Schränke mit verschiedenen venezianischen Glasarbeiten vom XVI. bis zum XVIII. Jahrhundert. Zunächst finden wir zahlreiche Typen farbloser Kelchgläser mit sehr mannigfach gebildeten Stengeln. Diese Gattung findet im nächsten Schranke ihre Fortsetzung. Einzeln ausgestellt eine Riesenschüssel mit bischöflichem Wappen und zwei ungewöhnlich hohe Stangenpokale. Es folgen in der nächsten Vitrine die sogenannten Flügelgläser. Hier wie bei den vorhergenannten Trinkgefäßen besteht jedes Stück aus drei Glasblasen, eine für den Kelch, eine für den Stengel und eine für die Fußplatte. Bei diesen Flügelgläsern sind zu beiden Seiten des Stengels phantastische ornamentale Formen, meist aus grünblauen und farblosen Glasstäbchen kombiniert, angebracht, die durch Biegen und Zwicken mit der Zange mannigfache Formen erhalten haben und oft in hahnenkopfartige Endigungen auslaufen.
Im folgenden Schranke sind hauptsächlich die mit Diamantgravierung verzierten sogenannten „gerissenen“ venezianischen Gläser vereinigt. Besonders bemerkenswert drei mit zierlichem Rankenwerk geschmückte Schüsseln, eine weitbauchige Deckelvase, ein Eimer mit beweglichem Bügel und die Kelchgläser mit violetter Kuppa.
Die nächste Vitrine enthält venezianische Fadengläser vom XVI. bis zum XVIII. Jahrhundert, deren komplizierte Herstellungsweise außerordentliche Übung und Geschicklichkeit des Glasarbeiters erforderte und daher den besonderen Stolz Muranos bildete.
Die Zahl der Varianten innerhalb dieser Gattung ist außerordentlich groß. Unsere Sammlung enthält Fadengläser mit radialer Anordnung der einzelnen Fadenbündel und sogenannte Netzgläser, die aus zwei Fadenglasblasen bestehen, welche beim Ausdehnen im Gegensinne gedreht wurden, wobei in den „Maschen“ der sich kreuzenden Fäden kleine Luftbläschen entstanden. Bei manchen Stücken sehen wir die netzartige Wirkung der Fäden durch Einstülpen der Blase zu einer doppelwandigen Schale herbeigeführt. Eine verwandte Gattung bilden die Gläser mit „gekämmtem“ Faden, wobei der kräftige weiße Faden nur auf der Oberfläche der Blase angebracht ist und die Musterung an die gewisser schuppen- oder federartig verzierter mit dem Kamme bearbeiteter Tunkpapiere erinnert.
Deckelpokal, geschnitten und geschliffen, böhmisch, um 1700
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GRÖSSERES BILD
Die folgende Vitrine enthält Proben venezianischer Glasfabrikation aus späteren Perioden und verschiedene deutsche Gläser. Die Formen sind mannigfacher, die technischen und künstlerischen Qualitäten aber geringer. Wir finden ein besonders reich ausgebildetes Blumengefäß, einen Krug aus „Eisglas“, und zwar jene im XVI. Jahrhundert entstandene Gattung, die in der Weise erzeugt wurde, daß man die noch nicht erkaltete Blase über kleine Glassplitter hinrollte, wobei diese sich mit der Oberfläche der Blase verbanden, worauf sie durch Einwirkung der Hitze stumpf gemacht wurden. In derselben Reihe sehen wir zwei große niederländische oder deutsche Flügelgläser des XVII. Jahrhunderts nach venezianischer Art. Überdies finden wir hier Proben geschliffener italienischer Gläser, Flakons und Vexiergläser des XVIII. Jahrhunderts und gekämmte Fadengläser von unreiner Farbe und dürftigem Aussehen, wie sie im südlichen und nordöstlichen Böhmen im XVII. Jahrhundert erzeugt wurden. Unter den Gläsern der untersten Reihe flaschenartige deutsche Trinkgefäße, die im XVI. und XVII. Jahrhundert beliebten Angster oder Kuttrolfs mit mehreren dünnen umeinandergeschlungenen Halsröhren, die sich in einer etwas erweiterten, zur Seite gebogenen Mundschale vereinigen und ein Vexierglas. In dem zunächst stehenden Schranke am Fensterpfeiler sind deutsche und böhmische Gläser des XVIII. Jahrhunderts mit vergoldeter Gravierung, Hinterglasmalereien und mit bunter Emailmalerei verzierte Milchgläser des XVIII. Jahrhunderts untergebracht. Im folgenden Schranke am Fensterpfeiler sehen wir bemerkenswerte Versuche der Wiederbelebung der venezianischen Glasmacherkunst in der zweiten Hälfte des XIX. Jahrhunderts. Fast alle alten Techniken finden wir von neuem angewandt und besonders sei auf die Gläser mit Golddekor nach altem Muster und die Kopie einer sogenannten Brautschale, Violett mit Gold- und Schmelzdekor, und fünf Medaillons in weißem Email: Abenteuer des Zeus, aufmerksam gemacht. Hierher gehört auch der große Deckelpokal in der Mitte des Saales mit Drachenknauf und Drachenstengel aus weißem und rotem Fadenglas, eine Kopie von Salviati nach einem Original der Slade-Kollektion im British Museum.