Im Wandschranke an der Innenseite des nächststehenden Pfeilers sind weitere Typen deutscher Gläser ausgestellt. Wir finden in der oberen Reihe grüne Warzen- oder Nuppenbecher, auch Krautstrünke genannt, rheinische Römer des XVII. Jahrhunderts mit Traubennuppen, in der folgenden Reihe Rubingläser in vergoldeter Kupferfassung aus dem XVII. Jahrhundert und spätere Nachahmungen solcher Gläser an beiden Enden der Reihe. Zu unterst einen Walzenpokal mit Quadermusterung, Spechter genannt, eine Spezialität der Glashütten des XVI. Jahrhunderts am Spessart, mehrere Angster, einen großen Tiroler Humpen, davor ein Trinkgefäß in Form eines Phallus und anderes.
Bis um die Mitte des XVI. Jahrhunderts versorgte Venedig Deutschland mit emaillierten Wappengläsern. Von da ab breitet sich die Erzeugung dieser Gläser, die wir in zwei Schränken an der Außenseite der Pfeiler vereinigt finden, auch nördlich der Alpen aus. Bis etwa 1600 sind diese Walzenhumpen aus farblosem Glas, später erscheinen sie in verschiedenen grünlichen Nuancen. Die älteren Formen sind konisch und mit einem kurzen Fußansatz versehen, die späteren einfach zylindrisch. Die Emailmalerei beschränkt sich ursprünglich auf Wappen adeliger Familien. Vom Ende des XVII. Jahrhunderts erscheinen Zunftwappen und Embleme bürgerlicher Korporationen. Ein sehr beliebter Vorwurf für größere Humpen war der Reichsadler mit den Quaternionen-Wappen auf den Flügeln. Ein anderes oft vorkommendes Motiv sind der Kaiser und die sieben Kurfürsten, von denen es zweierlei Darstellungsweisen gibt; die ältere zeigt den Kaiser auf dem Throne sitzend und die Kurfürsten stehen angereiht — ältestes Stück von 1591 im Wiener Hofmuseum — die jüngere, häufigere, zeigt Kaiser und Kurfürsten zu Pferde. Andere beliebte Vorwürfe sind Jagddarstellungen, Jahreszeiten, Kardinaltugenden usw. Selten sind dagegen Genredarstellungen wie die auf dem konischen Trinkkrug von 1572 mit der Frau und dem Fuchs, der zugleich das älteste bekannte Stück dieser Art ist. Ein seltenes Glas anderer Art ist der zylindrische Becher mit Ansicht von Krafftzhofen und dem Wappen der Nürnberger Patrizierfamilie Kress vom Jahre 1657. In verschiedenen Größen sind Fichtelbergergläser, Erzeugnisse der Hütten von Bischofsgrün, mit der schematischen Ansicht des Ochsenkopfes und den vier dem Fichtelgebirge entspringenden Flüssen vorhanden. Aus dem benachbarten Thüringen stammt ein konisches Trinkglas mit zwei männlichen Figuren und wortreicher Inschrift, die den einen von beiden als Dieb bezeichnet, datiert: Lauscha 1712. Besondere Beachtung verdient ferner ein Hallorenhumpen des vierten, etwa von 1707 bis 1732 üblichen Typus, ein keilförmiger Deckelhumpen der Mitglieder der Salzpfännerschaft in Halle a. S., der „Brüder im Thale“, als was sie am Fuße des Humpens bezeichnet werden. Wir sehen unten Hallorenfiguren aneinander gereiht, darüber das Pfännerschaftswappen, von zwei Salzwirkern begleitet, rückwärts einen Fahnenträger mit brandenburgischer Fahne und darüber in Goldauflage, jetzt kaum mehr sichtbar, die Ansicht der Stadt Halle. Aus solchen Humpen wurde bei der Pfingstfeier „Torgauisch Bier“ getrunken. Ein Humpen für Studentenkneipen ist den Darstellungen nach das Paßglas mit gekniffenen Reifen, die die Grenze angeben, bis wohin das Glas geleert werden soll. Andere hier ausgestellte Arbeiten sind Vierkantflaschen mit Zinnschrauben (Apothekergefäß), ein zierlicher blauer Teller mit weißer Emailmalerei und drei Fischen in der Mitte, ein kleines sächsisches Hofkellereiglas, andere solche Gläser mit sächsisch-polnischem oder kursächsischem Wappen und eine Reihe späterer Arbeiten bis zum Ende des XVIII. Jahrhunderts. Interessant ist es zu beobachten, wie lange sich bei diesen Gläsern die traditionelle aus Venedig übernommene Verzierung mit goldenem Randstreifen und bunten Punkten erhalten hat.
Von hier in den Saal zurückkehrend finden wir zunächst einen Schrank mit Gläsern, deren Dekor in Schwarzlot ausgeführt ist. Joh. Schaper aus Harburg a. d. Elbe hatte diese Gattung von Malerei gegen 1640 nach Nürnberg gebracht, dort bis zu seinem Tode (1670) weiter gepflegt und auf eine Reihe von Schülern übertragen. Von einem derselben, Johann Keyll befindet sich ein signierter und 1678 datierter Becher mit drei Kugelfüßen in der oberen Reihe, er ist mit einer Bacchantengruppe und der Ansicht von Rückersdorf verziert. Außerdem sehen wir hier noch einen größeren Kurfürstenhumpen, mehrere Kelchgläser, zwei weitere Becher mit Kugelfüßen und einen Reichsadlerhumpen mit Doppelchronogramm 1720. Um diese Zeit hört die Schwarzlotmalerei in Nürnberg auf und wird auf geschliffenen böhmisch-schlesischen Gläsern fortgesetzt, wobei Laub- und Bandelwerkornamente, kombiniert mit Rokoko- oder Chinesenfiguren, und durch Goldhöhung bereichert die Dekorationsmotive bilden, wie es die in den folgenden zwei Reihen aufgestellten Stücke zeigen. Arbeiten des XVIII. Jahrhunderts mit äußerst fein ausgeführten bunten figürlichen Emailmalereien schließen sich diesen späten Schwarzlotgläsern an.
Im folgenden Schranke sind Doppelgläser verschiedener Art ausgestellt, solche, wie sie bereits Kunkel in seiner Ars vitraria beschreibt, die innen mit Ölfarben marmorartig bemalt oder mit Gold- und Silberfolie unterlegt sind und andere mit buntem figürlichen oder ornamentalem Schmuck auf Silberfolie. In verschiedenen Formen sehen wir hier auch die radierten Zwischengoldgläser, wie sie im XVIII. Jahrhundert in Böhmen erzeugt wurden. Sie sind außen vielseitig fassettiert, an den ineinandergeschobenen und dekorierten Innenseiten dagegen glatt. Die meisten zeigen Jagdmotive und Kriegsszenen, andere Genrebilder, so wie das Glas mit dem Festessen und das mit den Billardspielern, andere Heiligenbilder oder Allegorien. Ebenfalls böhmischen Ursprungs sind die mit eingesetzten, rot oder grün unterlegten Plättchen, welche mit Inschriften, Monogrammen, Emblemen usw. verziert sind. Sie erscheinen entweder kreisrund und flach im Boden des Gefäßes eingesetzt oder oval und in die Seitenwand eingelassen. Diese in der zweiten Hälfte des XVIII. Jahrhunderts aussterbende Gattung erfährt zwischen 1788 und 1808 durch den Glasschleifer und Glasmaler der Glashütte Guttenbrunn in Niederösterreich Johann Josef Mildner eine kurze Neubelebung. Mildner, der seine Arbeiten zu signieren pflegte, gravierte seine Ornamente, Monogramme, Inschriften, Heiligenbilder und Porträte in einem Belag von Blattsilber oder Blattgold, der die Außenseite des inneren Glases bedeckte, von innen her gesehen werden sollte, und durch einen roten Lacküberzug deutlicher gemacht wurde. Das darüber befindliche äußere Glas wurde an der Innenseite in gleicher Weise für die Ansicht von außen behandelt. In der Regel nahm er für die Innenseite Silber, für die Außenseite Gold, dazwischen lag die rote Lackschichte. Die beiden in der Mitte der mittleren Reihe ausgestellten Gläser tragen das Porträt des Josef von Fürnberg, von 1742 bis 1799 Besitzer der Herrschaft Guttenbrunn.
Von größter Bedeutung für die künstlerische Entwicklung des Glases war die durch Kaspar Lehmann, einen Steinschneider am Hofe Rudolfs II. in Prag, zuerst erfolgte Übertragung seiner Technik auf das Glas. Dieses Schneiden besteht in einer kunstvollen Bearbeitung des Glases mit kleinen Rädchen im Gegensatze zum gewöhnlichen Schleifen. Es gibt Hochschnitte, wobei die gewollten Formen im Relief erscheinen, die Oberfläche also abgearbeitet werden muß, und Tiefschnitte, bei denen der Dekor ähnlich einer Gravierung in die Fläche vertieft eingeschnitten wird. Das einzige von Lehmann signierte und 1605 datierte Stück ist ein großer Becher mit drei allegorischen Figuren in der Sammlung des Fürsten Schwarzenberg in Frauenberg. Von diesem Stücke befindet sich eine gute Kopie in dem nächst dem dritten Pfeiler befindlichen Schranke mit modernen Nachbildungen wichtiger Typen böhmischer und schlesischer Gläser, es ist das erste Stück in der obersten Reihe.
Lehmann starb 1622 und vererbte sein Können auf seinen einzigen Schüler, den Nürnberger Georg Schwanhardt, der nach dem Tode des Meisters in seine Vaterstadt zurückkehrte und dort eine Glasschneidetechnik einführte, die sein Sohn und verschiedene andere Mitglieder seiner Familie weiterbetrieben. Die Technik des Schneidens erfuhr zugleich eine Erweiterung durch das gelegentlich angewendete Blankschleifen des Schnittes. Die in Nürnberg geschnittenen Gläser unterscheiden sich nach Robert Schmidt namentlich dadurch von den späteren böhmischen, daß ihr Schaft nicht massiv, sondern aus einer Glasblase geformt ist.
Solche Hohlbalusterpokale sind im ersten Schranke der sich längs der Galerie hinziehenden Vitrinen aufgestellt. Sie bilden die oberste Reihe und beginnen mit einem Kelchglase mit Landschaft, worin die Bäume im Charakter der Arbeiten des Nürnberger Glasschneiders H. W. Schmidt ausgeführt sind. Hierauf folgt ein Deckelpokal, der durch die Zartheit des Baumschlages den Arbeiten von Killinger, dem letzten aus der Reihe der Nürnberger Glasschneider, nahesteht. Von den weiteren Nürnberger Pokalen sind noch der mit trichterförmiger Kuppa und prächtigen Rosenzweigen, der reich dekorierte, von 1714 datierte und der mit teilweise vergoldeten Ornamenten verzierte besonders bemerkenswert.
Es folgen sodann in diesem und dem zunächst stehenden Schranke böhmische Gläser des XVII. Jahrhunderts, von denen manche noch deutlich den venezianischen Einfluß namentlich in ihren gekniffenen Flügelansätzen und manchmal auch durch den im Stengel angebrachten roten Faden erkennen lassen.
Die Gliederung der oft hohen Schäfte besteht in wahllos aneinandergereihten Kugeln und Scheiben, die geschnittenen Verzierungen (Blumen und Landschaften) sind roh und ganz oberflächlich eingeschnitten, ja mehr geschliffen als geschnitten.
Charakteristisch für die böhmischen Gläser vor 1680 sind die schweren tropfenförmigen radial angeordneten Ansätze am Unterteil der Kelche und auf den Deckeln, das schönste derartige Stück ein hoher Doppelpokal mit Puttenmedaillons zwischen Ornamenten, einzeln ausgestellt vor dem Mittelfenster. Überdies finden wir Vexiergläser, wie sie in Form von Posthörnern, Pistolen, Schweinen, Bären, Tabakspfeifen usw. bis tief ins XVIII. Jahrhundert beliebt waren und zu allerlei Trinkerscherzen Anlaß gaben. Eine weitere Stufe in der Veredlung des böhmischen Glasdekors wird namentlich in den Glashütten des Riesengebirges durch die feinere Ausbildung des Schliffes erreicht, der sich auf den nun bereits starkwandig hergestellten Gläsern durch Kombination von Rillen, Kugeln, Fassetten und aus olivenförmigen Vertiefungen gebildeten Sternen, die später gewöhnlich nur in die Unterseite der Standfläche eingeschnitten werden, zu einer einfachen, aber oft sehr reizvollen Schleiferornamentik entwickelt. Solche Arbeit finden wir an den zwei Kannen unter der Reihe der Nürnberger Gläser und an einer Anzahl von Pokalen der untersten Reihe.