Aber Abel hatte gar nicht gehört, daß ihr gerufen worden wäre.

Wieder war es ein mißlungener Abend und ein wahres Elend. Ein paar Tage darauf aber war der Stadtkutscher seinem schönen Peitschenstiel auf die Spur gekommen und hatte sich ihn wieder geholt. Und so war es nun also mit Abel für immer aus und vorbei.


12

Die Jahre vergehen. Die Jugend wird konfirmiert, schießt in die Höhe und wird lang und groß, sogar ungewöhnlich groß, da die Mode zur Zeit sehr hohe Absätze unter den Schuhen verlangt.

Fia Johnsen war schon ebenso groß wie ihre Mutter; sie war braunäugig und von blasser Hautfarbe, ein schönes Geschöpf. Die Sommersprossen waren fast ganz verschwunden, und sie ließ einen langen Zopf den Rücken hinunterhängen. Die Leute hatten sie aufwachsen sehen, sie erinnerten sich noch gut an ihre Geburt, ja, sie hatten ein gutes Gedächtnis, und sie wußten auch noch, was sie bei ihrer Konfirmation angehabt hatte; nicht selten standen die Weiber am Brunnen und verbreiteten sich über all diese Herrlichkeit. Es sei nicht schlecht, Fia Johnsen zu sein.

Ihr Bruder Scheldrup Johnsen war in einem Lande nach dem andern, um zu lernen; seine Mitbürger verloren ihn von Zeit zu Zeit ganz aus dem Gesicht, aber Fia war zu Hause. Sie lernte tanzen und Klavierspielen und abstauben und niedlich sein. Sie zeichnete und malte gern, und vertiefte sich in die Zeitungen und Zeitschriften im Hause des Konsuls, auch hatte sie alle die vielen schönen Teller gemalt, die rund herum an allen Wänden des Eßzimmers aufgestellt sind. „Das Werk meiner Tochter!” pflegt der Konsul seinen Gästen zu sagen.

Zuerst wurde ihr Talent in der Schule und beim Zeichenlehrer der Stadt ausgebildet, dann kam sie in größere Städte und Hauptstädte und lernte mehr, und so oft sie wieder nach Hause kam, konnte sie selbst noch einsichtsvoller über ihre Teller lächeln. Jetzt war sie soweit, daß sie eigenhändig die Aussicht von ihrem Fenster und Teile des Gartens malte. Gut. Aber Fia war sehr jung und bedauerlich mager, durchaus nicht unterernährt, behüte, aber unentwickelt, ohne Muskeln, ohne Arbeit. Was sollte sie mit sich und ihrem Talent anfangen? Ihre Eltern hatten es dazu, sie zu Hause zu behalten oder ihr einen Aufenthalt auswärts zu gestatten, was ihr selbst lieber war. Und mochte sie sein, wie sie wollte, so war sie hübsch und einnehmend und nahm nie zwei Treppenstufen auf einmal, nein, niemals. Aber das war auch alles. Einen Lebensberuf hatte sie nicht nötig, ihr Talent war unnütz. Ihr Leben hatte keinen Ernst.

„Sie sollte eine richtige Arbeit haben,” sagt der Doktor.