Die Zudringlichkeit des Doktors war wirklich unerträglich, und wenn der Konsul gewußt hätte, warum er gerade heute so zudringlich war, so hätte er vielleicht dennoch — dennoch — seinem Gast die Tür gewiesen.

O, der neue Brillantring, den Fia bekommen hatte, der war's, der ließ der Frau des Doktors keine Ruhe mehr. Was sollte sie damit, so ein Kind? Eigentlich sollte sie noch in kurzen Röcken gehen, jawohl. Und was war aus dem armseligen kleinen Brillantring geworden, der der Frau Doktor schon seit vielen Jahren in Aussicht gestellt war? Ach, alles zusammen war so schwer und traurig! Das tägliche Leben bot auch gar keine Freuden, huhu!

Aber der Konsul weiß nichts von dem Kampf, den die Doktorsleute miteinander ausgefochten haben, und er mußte wohl doch ein Körnchen Vernunft in dem gefunden haben, was der Doktor gesagt hat, denn er wurde nachdenklich. Er liebte Fia und wollte vor allen Dingen ihr Bestes, er war ein bißchen zu willfährig gegen sie, ihr Aufenthalt in den Städten wurde immer teuerer, aber das war notwendig zu ihrer weiteren Ausbildung: er konnte ihr keine Hindernisse in den Weg legen, sie hätte sich ja vor ihren neuen Bekannten und Freunden schämen müssen. In ihrer Güte hatte sie angefangen, den andern Malern Bilder abzukaufen, um ihnen zu helfen; aber da hatte der Vater Einspruch erheben müssen, die Ausgaben waren ohnedies groß genug, und sein Geldschrank war nicht unergründlich. Gut, Fia beugte sich und legte diesen Fehler ab, aber einige andere behielt sie in der Stille bei, einige ganz kleine, nur Lappalien gegen all die Tugenden, die sie schmückten. Wenn sie unter Fremden war, dann trat sie fein und gebildet auf, aber ein klein wenig zu sehr von oben herab. Sie ließ gerne durchschimmern, daß sie aus hochgebildetem Hause stamme und einen Millionär zum Vater habe. Das war halb Betrug und halb Selbstbetrug. Wenn sie das Postschiff nicht mehr erreicht hatte, konnte sie zu den Umstehenden sagen: „Wenn ich nur unser eigenes Dampfschiff hier hätte!” Ach, ihr eigenes Dampfschiff hatte anderes zu tun, als Fräulein Fia herumzufahren, und außerdem war es ein Kasten, der höchstens acht Meilen machte, im Durchschnitt nur fünf Prozent trug und zuweilen auch zwei verlor.

Und gerade jetzt verlor das Dampfschiff Fia wieder einmal.

Der gute Konsul war nicht immer ein guter Reeder, und Scheldrup befand sich gerade deshalb im Auslande, um die richtige Reederkunst zu lernen. Es stellte sich heraus, daß es ein Unterschied war, über ein Dampfschiff richtig zu verfügen, oder eine mit Tran beladene Galeasse über die Nordsee zu schicken, Kohlen zu holen. Fia brachte nicht auf jeder Fahrt einen Überschuß, und sie fuhr auch nicht immer ihre acht Meilen. Aber der Verlust war es nicht allein, Fia war auch noch auf andere Weise ein Kreuz. Eben jetzt gärte es unter der Mannschaft, die Leute klagten über die Kost und liefen davon, und der Konsul konnte nicht begreifen, warum dieselbe Kost nicht mehr so gut sein sollte, wie alle die vergangenen Jahre her. Und darüber ärgerte er sich.

Auch eine unglaubliche Nachricht ist zu ihm gedrungen, nämlich die, daß Kaufmann Davidsen auch Konsul geworden ist — allerdings nur einfacher Konsul, aber dennoch Konsul. Dann gab es ja gar keine Grenzen mehr. Davidsen, der vor zwanzig Jahren aus der Nachbarstadt hierher gezogen war und immer noch von den echten Eingeborenen als Auswärtiger angesehen wurde, der so manches liebe Mal selbst hinter dem Ladentisch stand, der den Kindern kleine Fischgeräte verkaufte, sowie großes Tauwerk und schweres Segeltuch für die Schiffe, alles einfachere Sachen, ohne Manufaktur und blanke Kurzwaren. Bei Johnsen am Landungsplatz trugen die Ladendiener gestärkte Kragen, bei Davidsen hatten sie die Ärmel aufgekrempelt und die Hände mußten Trossen handhaben können. Das war ja ganz schön, und Arbeit schändet nicht, aber das war doch kein Konsulatswesen und keine Repräsentation.

Hatte der Konsul sonst keinen Grund, sich zu ärgern? Doch, noch einen. Mit Oliver, seinem Lagerhausvorsteher, hatte es Widerwärtigkeiten gegeben. Wieso? Er hatte falsch gewogen. Zu seinem eigenen Vorteil? Keine Spur, zu dem des Konsuls. Das war ja ganz schön, treue Dienste schänden auch nicht; aber man darf doch nicht betrügen. Es war so zugegangen: der Schreiner Mattis hatte einen viertel Zentner Griesmehl holen wollen, und beim Auswägen hatte Oliver wohl vergessen, seinen kleinen Finger von der Wage wegzunehmen. Dieser kleine Finger mußte ein ordentliches Gewicht gehabt haben. Mattis schöpfte Verdacht, ging zu Grütze-Olsen und ließ nachwiegen. Richtig, wie er gedacht hatte: ein ganz bedeutendes Untergewicht.

Nun war ja das dümmste, was der Schreiner Mattis tun konnte, daß er mit dem Mehlsack den Laden verlassen hatte; er hätte sich vor die Stirn schlagen und seinen Geldbeutel „vergessen” haben müssen, um auf diese Weise einen von den Ladendienern mit sich ins Lagerhaus zu locken und das Gewicht nachzuprüfen. Aber Mattis war dumm und hitzig, er ging seiner großen Nase nach und fing gleich an zu donnern und zu blitzen; aber was sollte das helfen? Er lief von Wage zu Wage in der Stadt und ließ seinen Mehlsack nachwägen und erzählte überall warum. Schließlich kam er wieder zu Johnsen am Landungsplatz zurück, die Kleider voll Mehlstaub und rasend über alle Maßen.

Nun begab es sich, daß gerade auch Olaus vom Wiesenrain im Laden war, und Olaus war heute großartig. Voll von Branntwein, übervoll. Anfänglich war er stumpf und geistesabwesend, als er aber die Geschichte des Schreiners vernahm, entstand bei ihm plötzlich ein Bewußtsein auf neuer Grundlage, und er rief laut: „Was, falsches Gewicht?”

„Falsches Gewicht!” bestätigte der Schreiner. „Es ist bewiesen.”