Hier sitzt nun der Konsul und horcht auf ein sonderbares Geplauder, so ganz anders, als was ihm tagtäglich in den Ohren tönt. War er darum hergekommen? Gewöhnlich langweilte der Postmeister ja die Menschen zu Tode, der Doktor lief ihm davon. „Gott hat mir nicht die Geduld verliehen, dieses Geschwätz mit anzuhören,” pflegte er zu sagen. Der Konsul hat sich auf einen Stuhl gesetzt, er muß müde sein oder ratlos.

Ach, dieser Schwätzer von Postmeister! Er war ja sehr wohlmeinend und seelengut, aber langweilig, gerade wie der Schmied Carlsen, mit dem einen Unterschied jedoch, daß der Schmied beinahe niemals redete und andere quälte, sondern nur immer ganz albern zufrieden war. Zufrieden in einer Welt wie dieser! Die beiden glichen den Weibern am Brunnen, ach, sie waren selber nichts anderes als zwei Weiber am Brunnen, nur daß ihr Geschwätz einen frommen Inhalt hatte, aber ihre Seelen waren erfüllt von derselben Weibereinfalt. Sie hatten sich zu einer Art von Lebensansicht durchgerungen und behalfen sich damit: der Postmeister war auf philosophischem Wege zu seinem Standpunkt gekommen. Zuweilen kamen allerdings die Ereignisse des Lebens und schlugen ihnen derb auf den Mund, allein das schien ihre Ansichten nicht zu beeinflussen. So hatte zum Beispiel Schmied Carlsen sehr mißratene Kinder, hielt aber dennoch an seinen frommen Ansichten fest und fuhr fort, Gott für Gut und Böse zu danken. War das nicht der Glaube von Israel? Die beiden Männer könnten ja vielleicht recht haben, dachten die Leute, sie waren vielleicht ein Beispiel und Vorbilder. Aber die Stadt wurde darum nicht anders, die Stadt war der kleine, krabbelnde Ameisenhaufen, und da war das wohl ein Beweis dafür, daß das Leben seinen Gang ging, trotz aller Theorien, vielleicht hauptsächlich trotz aller religiösen Theorien. Sah es denn da nicht ganz hoffnungslos aus für zwei Gerechte in der ganzen Stadt, was focht sie an, daß sie sich nicht allen den andern anschlossen?

Der Postmeister hat vielleicht heute irgend etwas Freudiges erlebt, Gott mag es wissen, aber es kann wohl sein; jedenfalls ist er in bester Laune. Es gehörte nicht viel dazu, ihn aufzumuntern, er war ein genügsamer Mann. Sein ältester Sohn hatte vor einiger Zeit seine Steuermannsprüfung bestanden und auch sofort eine Stelle bekommen, und schon darüber war der Vater außer sich vor Freude. War denn solch ein Steuermannsposten so etwas Großartiges? „Er ist ein tief angelegter Junge,” sagte der Postmeister. „Was der uns für Briefe schreibt! Ich weiß übrigens nicht, welches das beste von unsern Kindern ist. Da ist auch noch der von meinen Söhnen, der auf dem Lande arbeitet. Er spart seinen Lohn zusammen und schickt seinen Schwestern Geld zu schönen Stiefeln. Das ist ein Kerl! Ich darf ihm gar nicht mehr zum Gruße die Hand geben, er drückt sie mir zu Brei, haha, der ist ein Bär! Und Sie sollten nur einmal sehen, wie er einen Knoten in einem Strick auflöst! Er hat Nägel wie Zangen; zuweilen aber nimmt er auch die Zähne zu Hilfe. Solche Zähne hat nicht jeder. — Scheldrup ist also immer noch in Havre?”

„Ja,” antwortet der Konsul.

„Das seh' ich an seinen Briefen; gestern hat der Doktor an ihn geschrieben.”

„So?”

„Ja. Und was Fia schön und artig geworden ist! Meine Frau hat sie heute vom Fenster aus gesehen und mich auch herbeigerufen. Ich bitte um Verzeihung, wollten Sie etwas sagen?”

„Nein, nein.”

„Heute morgen hab' ich einen weiten Spaziergang gemacht, den Weg, den der Herr Konsul nach seinem Landhause fährt. Sie wissen ja, die Straße führt plötzlich in den Wald, es ist, als ob die Welt ein Ende hätte, drinnen im Wald fängt eine ganz andere Welt an, sie ist freundlich gesinnt und merkwürdig ganz in Stille getaucht, und doch voll feiner Laute. Ich ging vom Weg ab, um niemand zu begegnen, und wanderte in den Wald hinein. Tief drinnen saß ein Mann. Er hatte mich gesehen, ich konnte also nicht mehr umkehren, er saß da und spielte Mundharmonika. Ein sonderbarer Mann, ein Arbeiter, ein Landstreicher. Ich redete lange mit ihm. Er war besonders aufgeweckt, sein Gespräch drehte sich um Geld und Essen, und der arme Kerl saß da und spielte Mundharmonika. ‚Warum sitzest du hier?’ fragte ich. — ‚Darf ich das nicht?’ erwiderte er. — ‚Doch.’ — ‚Was geht es denn dich an?’ fragte er. — ‚Nichts. Aber spiel' doch weiter!’ — ‚Was krieg' ich dafür?’ fragte er. — ‚Ein paar Groschen. Ich bin Postmeister hier in der Stadt, und es geht mir das Jahr über viel Geld durch die Hand, aber das gehört nicht mir.’ — ‚Na, Sie werden schon den einen und den andern Geldbrief für sich behalten,’ sagte er. — ‚Wie könnte ich denn das? Da würde ich sofort gefaßt.’ — ‚Nein,’ meinte er, ‚die feinen Leute halten ja alle zusammen. Nur wir auf der Walze werden gefaßt.’ Das war ein dummes Gerede, und ich erklärte ihm, daß ich meinen festen Gehalt hätte, und wenn der reiche, so hätte ich im Grunde, was ich bedürfe. Aber das begriff er nicht, ihm reiche es nie, verdiene er Geld zu Schuhen, so habe er keines für Hosen und umgekehrt. Bei den Bauern sei eine ewige Plackerei, sagte er. Wenn er irgendwo um etwas zu essen bitte, so müsse er zuerst dafür arbeiten, und zwar schwer arbeiten. Holz hacken, die schwerste Arbeit im Sommer. Abends bekomme er dann Milch und Grütze, ohne Butterbrot, und die Milchschüssel ohne Rahm darauf, ‚den sie doch im Überfluß haben, die Erdwühler.’ Ein unzufriedener Mensch also, einer von den faulen und finsteren Gesellen. Wenn wir davon ausgehen, daß wir Menschen unter einem Gesetz der Entwicklung stehen, so war dieser Mann noch nicht weit gelangt; vielleicht ist er schon unzählige Male auf der Erde gewesen, hat aber kaum den winzigsten Fortschritt gemacht. So kehrt er also immer wieder so gut wie unverändert ins Dunkel zurück, und dann tritt er wieder ins Leben und fängt von neuem an.”

„Glauben Sie, daß es so zugeht?” fragte der Konsul lächelnd.