„Was soll man glauben? Wir können doch nicht gut einen ungerechten Urheber annehmen, das stößt auf zu viele Schwierigkeiten, wir müssen einen gerechten annehmen. Und wir können nicht annehmen, daß ein gerechter Urheber diesen Landstreicher von Anbeginn der Zeiten an zum Elend verdammt hat. Wahrscheinlich stehen wir alle auf demselben Punkt und haben dieselben Möglichkeiten; die einen gebrauchen sie, die andern mißbrauchen sie. Was wir in diesem Erdenleben an uns arbeiten, das kommt uns im nächsten zugute, und arbeiten wir uns hinunter, so werden wir zurückversetzt. Das ist wohl der Grund, warum wir leider in historischer Zeit keine Veränderung an den Menschen wahrnehmen. Wir haben uns die Möglichkeiten selbst verdorben.”

„Sie glauben also, wir sterben, und kommen noch viele Male wieder auf die Erde?”

„Was soll man glauben? Es wird uns immer wieder eine Möglichkeit geboten. Zeit hat wohl der Urheber vor sich, er hat die Ewigkeit in sich, und da wir selbst ein Teil des Urhebers sind, so vergehen wir niemals. Aber wir kommen nicht jedesmal in demselben Zustand auf die Welt, wir haben es selbst in der Hand, unser Los für das nächste Mal zu verbessern.”

„So daß jeder Mensch seinen Rahm auf der Milch bekommt?”

Der Postmeister lächelt. „Solche Dinge haben nur in seinem jetzigen Zustand Bedeutung für ihn. Ich meine, seine Geistesverfassung, seinen Seelenzustand. Und jetzt kommen wir an etwas Bedeutungsvolles: Dieser Mensch saß also da im Walde und spielte Mundharmonika. Vielleicht hat er in seinen vorigen Verkörperungen doch auch an sich gearbeitet. Er spielte mir Lieder und Weisen vor, spielte großartig, ich hab' noch nie etwas Ähnliches gehört. Ich rede nicht von der Fertigkeit, ich meine die Tatsache, daß er überhaupt im Walde saß und spielte. Und nun hören Sie einmal: Er erzählte von einer Art Äolsharfe, die er bei einem Juden gesehen hatte, eine Äolsharfe mit Saiten von verschiedener Dicke und aus verschiedenem Metall, Kupfer, Messing und Silber, und es hingen kleine Kugeln herunter, die vom Wind gegen die Saiten geblasen wurden und diesen einen leichten Schlag versetzten. Dann spielte die Äolsharfe. Es war schön, dem Manne zuzuhören, als er dies sagte. Nein, er war während seiner verschiedenen Erdenleben nicht stehen geblieben, er hatte in sich einen kleinen Gartenfleck gepflegt, mit einer einzigen Blume darauf. Nun kommt es darauf an, ob er sich diesmal so führt, daß sein Fleckchen Garten in seinem nächsten Dasein größer wird.”

„Diese ganze Theorie hängt von der Frage ab, ob es überhaupt einen persönlichen Urheber gibt.”

„Sagen Sie, wo wollen Sie überhaupt anfangen? Gibt es nicht auch einen Urheber des Urhebers? Wir wollen hier stehenbleiben und einen persönlichen Urheber annehmen. Es ist noch unmöglicher, sich ohne einen solchen zu behelfen. Diese Frage entzieht sich ja unserer Fassungskraft, aber wir haben den Trieb nach einer Macht, einer Notwendigkeit, die hinter allem steht, wir wissen zwar nichts Gewisses davon, aber sie ist für uns da, kraft unseres Triebs, und dieser Trieb ist selbst ein Teil des Urhebers, dem wir angehören. Er ist uns von Anfang an eingepflanzt, wäre er nicht für etwas da, so hätten wir ihn nicht. Kommen Ihnen diese Schlußfolgerungen ungereimt vor?”

„Ich weiß nicht, darauf versteh' ich mich nicht.”

„Ich weiß auch nichts, niemand weiß etwas. Aber wir haben ein Licht, das nie erlischt. Sonst wär alles Finsternis.”

„Was ist das für ein Licht?”