„Das sind die Menschengedanken. Sie fehlen und gehen irre, aber wir sind gewiß, daß sie da sind. Und sie gehören mit zu unserer Ausrüstung, sind uns von der Gottheit gegeben.”
Schweigen. Beide Herren sitzen nachdenklich da.
Der Konsul fragt: „Die Gottheit? Welche denn? Wenn unsere Menschengedanken zu etwas taugten, so könnten sie doch endlich die wahre Gottheit finden.”
„Die ist gefunden: durch und in unserem Trieb zu ihr.”
„Aber die Menschen wechseln ja mit ihrer Gottheit und nehmen wieder eine andere. Die Griechen haben gewechselt, die Ägypter haben gewechselt, wir Nordländer haben gewechselt. Jetzt schreiben wir die alten Götternamen an unsere Fischerboote.”
„Ich bitt' um Entschuldigung,” sagte der Postmeister. „Sie reden von Göttern, ich von der Gottheit. Sie reden von Theologie.”
Neues Schweigen.
Im Grunde war dies ja eine langweilige Unterhaltung, und der Konsul wäre wohl seines Weges gegangen; aber er wußte im Augenblick nicht, wo er hingehen sollte, und nach Hause mochte er am allerwenigsten. Und dann war es ja eine wunderbare Sache mit dem Postmeister, der alle Tage seines Lebens Jahr um Jahr gleich zufrieden war. Wer außer ihm war denn zufrieden? Alte und Junge, Kleine und Große, alle waren in Angst und in der Hetze, alle trugen eine Last, ein mißglückter Akademiker und Kleinstadtpostmeister fast allein ausgenommen. Aber damit war man noch nicht mit ihm fertig, ach nein! Er war zum Beispiel durchaus nicht immer bescheiden und demütig, der Konsul hatte schon gehört, wie er sich mit Sicherheit verteidigt hatte. Er wollte gerne Frieden haben, und bekam er den nicht, so nahm er sich ihn. Ach nein, er ließ nicht auf sich herumtrampeln! Das peinliche bei ihm waren seine philosophischen Grübeleien, mit denen er die andern endlos überschüttete, und für Leute, die sich darauf verstanden, war er ein Schrecken.
Warum hielt er denn seinen Mund nicht? Gewiß, weil er meinte, er habe tatsächlich etwas zu sagen. Aber er war nur eine einzelne Stimme in seiner Stadt. In seinem Hause war es sehr still, seine Frau sprach nicht viel von selbst, sie antwortete, wenn sie gefragt wurde, und besorgte ihren Haushalt; aber im Gehirn des Postmeisters dämmerten allerlei Grübeleien auf, er murmelte vor sich hin und sprach mit sich selbst; doch das genügte nicht immer, zuweilen mußte es ein unschuldiger Stadtbürger entgelten und seine Auseinandersetzungen anhören, die sich so weit außerhalb der Holzpreise und Schiffsfrachten bewegten.
Wenn Konsul Johnsen nicht von etwas beunruhigt gewesen wäre, wenn er seinen gewohnten Tätigkeitsdrang gefühlt, wenn er Lust gehabt hätte, wo anders seine Ruhe und seinen Frieden zu finden, dann wäre er seines Weges gegangen, jawohl. Aber nun blieb er sitzen. Er tat, als habe er eigentlich gar keine Zeit dazu und tue es nur aus Höflichkeit gegen einen verbindlichen Herrn, er sah nach der Uhr, machte plötzlich seine Tasche auf und sah nach, ob vielleicht ein Brief vergessen sei. Dann warf er so hin: „Ach, die Menschengedanken! Sie suchen und suchen und finden nicht. Es ist wohl nicht viel damit los, Herr Postmeister, wie?”