„Sie sind das einzige, dessen wir sicher sind, jawohl. Das brennende Licht, das erst mit dem Erdenleben erlischt. Das hat für uns in Wirklichkeit viel zu bedeuten. Was dieses Licht wirkt, welche Finsternis es erhellt, ist eine andere Frage. Wenn wir uns in endlosen Kreisen des Irrtums herumdrehen, so ist dies vielleicht gerade die Bewegung, das Leben. Der glatte Lauf geradeaus wäre ohne Reibung und würde die Bewegung lähmen. Wenn es etwas nützte, so müßten wir vor den Menschengedanken niederknien, vor dem Licht, ja, wenn wir fromm wären, wenn wir Barmherzigkeit mit uns selbst hätten, so würden wir die Menschengedanken mit Ehrfurcht anerkennen. Aber wir sind zu gescheit, wir beugen das Haupt nicht. Wir lernen zu viel irdische Mechanik; Sie sagen wohl, wir suchen und suchen und finden nicht, aber darin bin ich nicht mit Ihnen einig, nein! Darin bin ich einig, daß wir nicht finden, aber daß wir suchen — nein! Und warum sollten wir suchen, wenn wir doch nicht finden? Ja, wenn das Suchen selbst Bewegung dem Ziele zu wäre! Aber wir suchen nicht viel, wenige unter uns suchen überhaupt, statt dessen gehen wir hin und lernen, wir üben unseren Verstand. Wie ist das ärmlich und unfruchtbar! Sehen Sie diese verständigen Menschen an, sie haben das ihrige gelernt, das können sie, das ist der Erfolg der Schule, des Studiums, es ist Gedächtnissache.”

Der Konsul lächelt. „Ich für meine Person bin gänzlich ungelehrt. Das heißt, ich habe anderes zu lernen gehabt und bin nicht einmal darin gelehrt,” sagte er.

„So? Sind wir nicht tüchtig genug, irdisch brauchbar genug? O ja. Darin stehen die Menschen nicht zurück. In derartigem haben wir in der historischen Zeit Gewinn erzielt und es zu einer gefährlichen Höhe gebracht. Aber wir haben versäumt, das Haupt zu beugen. Jetzt haben wir uns festgefahren, und die Rettung besteht nicht in noch mehr Wissen und äußerlichen Fertigkeiten, sondern im Nachdenken, in Verinnerlichung.”

„Aber wir können doch nicht alle Philosophen werden.”

„Ebensowenig als wir alle einseitig Mechaniker werden können. Aber doch haben alle Gewinn davon. Es ist und bleibt ein hohes Ziel. In den letzten Jahrhunderten hat nichts solche Achtung gewonnen, als die Pflege der Wissenschaft. Die obere Klasse hat die untere Klasse damit angesteckt, so daß es jedermanns Streben geworden ist, Anteil daran zu haben. Welche Bedeutung hat nicht die Lese- und Schreibmechanik in der Welt errungen! Es ist eine Schande, sich die nicht auch anzueignen, es ist ein Segen, sie ganz zu beherrschen. Kein großer Religionsstifter hat diese Künste getrieben, aber heutzutage sind sie für alt und jung unentbehrlich. Niemand will mehr das Haupt beugen und nachdenken, man schreibt und liest sich den Gedankeninhalt herbei, den man als heutiger Mensch braucht. ‚Es ist feiner, zu lesen und zu schreiben, als etwas mit den Händen zu arbeiten,’ sagt die obere Klasse. Die untere Klasse horcht auf. ‚Mein Sohn soll nicht die Erde bebauen, von der sich alles Geschmeiß der Welt nährt, mein Sohn soll von der Arbeit anderer leben,’ sagt die obere Klasse. Und die untere Klasse horcht auf. Dann erwacht eines Tages das Geschrei, das Geschrei der Masse, die nun auch genügend von den Künsten der oberen Klasse gelernt hat, sie kann schreiben und lesen: Nehmt hin die Güter der Welt, sie sind euer! Der Teufel hole die Arbeit an sich selbst für das nächste Dasein, diese Arbeit spart sich die obere Klasse auch.”

„Meinen Sie, es wäre besser, wenn nur wenige lesen und schreiben könnten?”

„Dieser Gedanke ist nicht neu. Aber am besten wäre es, wenn man diese Hochachtung für alle diese Äußerlichkeiten ausrotten könnte, wenn alle Menschenklassen den Glauben und den Aberglauben an das mechanische Wissen verlören. Es wird behauptet, das Geschrei würde aufhören, wenn die Gelehrsamkeit noch größer und allgemeiner würde, und so werden noch mehr Künste getrieben und noch größere Fertigkeit in diesen Künsten angestrebt. Und die Köpfe heben sich immer leerer in die Luft, und kein tiefes Nachdenken beugt sie. Nein, auf diesem Wege kommen wir nicht weiter, selbst nach dem irdischen Begriff führt er in die Irre. Ich habe zuweilen die Schulbücher meiner Kinder in die Hand genommen, als sie noch klein waren — ich muß gestehen, ich verstand nur einen Teil von diesen Künsten. Gebt ihnen nur noch mehr davon, spart ja nicht daran, nudelt sie ordentlich damit, bitte schön! Aber das Geschrei wird bleiben und wird nur noch lauter werden. Milch mit Rahm darauf! Mehrere Milchsatten mit Rahm, viele, euer sollen sie sein! Das künftige Dasein? Wir lesen ja überall, das künftige Dasein sei nur ein Traum für fromme Weiber, uns gehe das nichts an. — Ach, wie wenig Barmherzigkeit haben die Leute mit sich selbst!” sagt der Postmeister und schüttelt den Kopf. „Sie haben wohl das kleine Gartenfleckchen mit Blumen, aber in ihrem nächsten irdischen Leben kommen sie vielleicht in ganz andere äußere Lebensumstände hinein, jedoch in gänzlich unveränderter Seelenverfassung.”

Der Konsul versucht jetzt, noch gelangweilter auszusehen, und treibt das so weit, daß er seine Blicke über die Zeichnungen an den Wänden hingleiten läßt. Plötzlich wird er auf eine darunter aufmerksam, er steht auf, setzt den Nasenklemmer auf und betrachtet ein schönes Tor. Jawohl, denn Konsul Johnsen wünscht, daß die Leute auch Achtung für sein — des Konsuls — Urteil haben, und er kann sich nicht in einem Nu zu mehreren Erdenleben bekehren — obwohl dies eine verflucht süße und wohlschmeckende Lehre wäre. Wenn er wiederkommen und es so weitertreiben könnte, seine Feinde besiegen, die ihm in den Weg getreten waren, Gesellschaften geben, mit den jungen Mädchen allerlei Kurzweil treiben, Dampfschiffe dirigieren, Geld verdienen, noch mehrere Male Küstenmatador sein, er würde nichts Besseres verlangen. Dann erinnert er sich aber an den verdrießlichen Zusatz in des Postmeisters Darlegungen, daß man nämlich in ganz anderen irdischen Verhältnissen wiederkommen könne, und der Konsul wird wieder ein ratloser Mann, der nicht aus und ein weiß. Wenn er als Matrose, als Landstreicher wiederkäme; wenn er nichts wäre, er, der so viel gewesen war! Er setzt sich wieder auf seinen Stuhl und beeilt sich, sich wegen seiner Unaufmerksamkeit zu entschuldigen: „Das ist ein prächtiges Portal, eine Paradiesespforte. Was ich sagen wollte: Wir suchen nicht, sagen Sie? Aber viele meinen doch, die Lösung gefunden zu haben. Einige finden es wahrscheinlich, daß nichts zurückbleibt, wenn der Mensch gestorben ist.”

Der Postmeister, immer aufgelegt, immer fertig und bereit, sagt: „Ausgenommen sein letzter Schrei, der Aufschrei vor dem Dunkel, das vor ihm steht. Wozu sind wir denn auf der Erde gewesen? Nur der ziellosen Bewegung wegen. Wozu?”

Der Konsul, der eine lange Unterweisung auch in dieser Lehre fürchtet, die ihm noch dazu durchaus nicht zusagt, ruft eilig: „Die Christen glauben an eine Seligkeit nach dem Tode!”