„Jawohl,” erwidert der Postmeister, „an und für sich ist die Seligkeit gar kein schlechter Gedanke, er ist schon vielen Erdbewohnern in der Nacht ein Trost gewesen. Aber auch diese Seligkeit bekommt man nicht, wenn man sie nicht verdient hat, nicht wahr? Es sollen ja doch nur wenige dazu gelangen, und was soll dann aus uns andern werden? Das Christentum befreit niemand von der Arbeit an sich selbst, im Gegenteil, es ist sehr streng in seinen Forderungen. Umsonst und ohne Verdienst geht niemand zur Seligkeit ein, heißt es. Das ist die Forderung des Gesetzes. Und das Evangelium ist auf seine Weise noch strenger: Man muß an die blutige Versöhnungspolitik der Vorsehung glauben, blind daran glauben, sinnlos daran glauben. ‚Halleluja, denn uns ist heut ein göttlich Kind geboren!’ wird an Weihnachten gesungen. Nicht alle können singen, aber alle können an sich arbeiten nach ihren Gaben und Kräften. Dabei ist nichts Widersinniges.”
Jetzt sagt der Konsul: „Ich denke eben darüber nach, daß ich also Ihrer Meinung nach nichts Gutes damit getan habe, wenn ich einem Jungen dazu verhalf, sich Gelehrsamkeit zu erwerben.”
„Das kommt darauf an,” erwidert der Postmeister. „Der Junge war vielleicht für dieses Leben nicht besser ausgerüstet und konnte auf keine höhere Stufe gelangen. Das wissen wir nicht. Aber es ist ihm durch Ihren Eingriff nicht leichter gemacht worden, sein Haupt zu beugen. Das glauben Sie doch wohl selbst nicht? Es war ja gerade Ihre Absicht, dieses Kind der Menge zu befähigen, sein Haupt zu erheben. Jetzt sitzt er da auf seiner Bank und läßt sich unterrichten, bis er ausgelernt hat, dann steht er ethisch strahlend dumm auf, tritt hinaus ins Leben und lehrt andern dieselbe Leerheit. Wer um alles in der Welt kann uns in dem unterweisen, um das es sich hier handelt? Wir selbst — niemand anders. Was uns andere lehren können, ist Mechanik ohne irgendeinen Wert für anderes als für die irdische Geschicklichkeit. Gerade das sieht man an der großen Menge: Sie hat nun ungefähr so viel von der Mechanik gelernt, wie die oberen Klassen in alten Tagen — jawohl, aber deren Gemütsleben ist stille gestanden. Das Geschrei? Als ob das der Ausdruck für etwas anderes als für irdische Habgier wäre! Die große Menge tut nichts für das innere Wohl der andern, sie hat kein ethisches Gemeinschaftsgefühl in sich geschaffen. Sie schützt sozialen Instinkt vor und hat nicht einmal den. Sie will schreien und umstürzen, und wenn es zum Klappen kommt, sind ihre eigenen Führer sogar außer Stand, sie zu zügeln. Das Ganze stürzt ein, laßt es einstürzen!”
Konsul Johnsen nickt. Er ist jetzt besser bei der Sache, nun handelt es sich nicht mehr um Ethik und höheren Quatsch, die letzten Worte sind Politik der Rechten, Geschäft, der Postmeister ist nicht so dumm! Um sich zu entschuldigen, sagt der Konsul: „Der Junge wurde mir vom Schulvorsteher und anderen außerordentlich warm empfohlen.”
„Jawohl,” sagt der Postmeister, „nehmen Sie nur den Jungen, schicken Sie ihn von einer höheren Schule in die andere und machen Sie ihn in äußeren Fertigkeiten vollkommen. Er wird wiederkommen und seine Gegend erfreuen und den Leuten noch tiefere geistige Abmagerung einüben. Dagegen wird er das Geschrei bei ihnen nicht dämpfen, o keine Spur, und er wird sie noch weiter von aller Innerlichkeit wegbringen. Aber vielleicht war es nun gerade das und nichts anderes, zu dem er taugte, das weiß niemand. Er hat vielleicht in einer Reihe früherer Erdenleben sich so geführt, daß er in seinem jetzigen nicht höher steigen kann. Da muß denn der Urheber auf ihn und die Seinigen warten, bis eine Änderung eintritt, der geduldige Urheber, der genug Zeit, genug Ewigkeit vor sich hat.”
Der Postmeister haut also wieder über die Stränge, und der Konsul will Schluß machen. Warum war der Mann überhaupt hergekommen? Einer zufälligen Sorge wegen, nicht fürs nächste Leben, sondern für dieses. Etwas mehr Politik würde ihn gefesselt haben; er war eine große Stütze der Gesellschaft, die der Neid umstürzen wollte, die die Emporkömmlinge nachäfften, dem die Matrosen auf der Fia nun wieder Ärger und Arbeit verursacht hatten — welche Hilfsmittel sollte er nun dagegen anwenden? An sich selbst arbeiten? Der Postmeister war ein Narr!
„Ja ja,” sagt der Konsul, indem er aufsteht, „das ist alles für uns sehr verborgen, sowohl für dieses wie fürs nächste Leben, besonders also fürs nächste. Wüßten wir etwas Sicheres über das Jenseits, dann würden wir uns jetzt schon danach richten.”
„Es ist verzeihlich,” erwidert der Postmeister lächelnd, „wenn wir etwas irdische Neugier in uns tragen. Aber das, was vorderhand unser voriges Dasein betrifft, so hat wohl die Weltregierung ihren Grund dafür, wenn sie es uns verborgen hält. Dieses Dasein wäre vielleicht durch Missetaten so finster, daß die Erinnerung daran uns überwältigen und erdrücken würde. Das kann gut sein. In der ungewissen Hoffnung, daß wir uns doch nicht zum Allerschlimmsten aufgeführt haben, liegt dann eine Aufmunterung für uns.”
„Aber war es in diesem Falle notwendig, uns ganz von Anfang an so gebrechlich auszurüsten?” fragt der Konsul.
„Wenn wir davon ausgehen, daß das Leben in dem einen besteht: in Bewegung um eines Zieles willen, dann ist es unlogisch, anzunehmen, wir hätten von Anfang an der Hoffnung ermangelt, seien demnach ohne sie ausgerüstet gewesen. Aber das sind wir nun also nicht. Immerhin — wie Sie sagen — gebrechlich ausgerüstet können wir gut sein, um sozusagen einen langen Lauf klein anzufangen. Aber daß wir so voller Gebrechlichkeit dastehen, wie die Leute es tatsächlich sind, das werden wir wohl uns selbst zu verdanken haben: weil wir unsere Aussichten mißachtet haben — —”