„Ja ja, ja ja!” unterbricht ihn der Konsul. „Was ich meine, ist, daß es nur zur Besserung in diesem Leben reizen würde, wenn wir gewiß wüßten, was wir im nächsten zu erwarten haben.”
„Wenn es uns dann nur nicht am Ende noch schlimmer macht, Herr Konsul, und es ist so schon schlimm genug. Meinen Sie, die Menschen würden sich einen Vorrat an Gutem erarbeiten, wenn sie die Gewißheit hätten, daß es nicht streng gefordert wird, und vor allem, daß es keine Eile hat? Der Mensch würde lieber darauf los leben, lieber auf Kredit sündigen, bis zum letzten Heller sündigen und sich viele Dasein zurückversetzen. Es würde noch schwerer sein, sich emporzuarbeiten, als es jetzt ist, noch leichter, sich hinunter sinken zu lassen. Im nächsten Dasein könnte er dann ganz vom Grund aus wieder neu anfangen. Alles wäre verloren, da wäre kein Garten, keine Blume, aber die Bewegung wäre noch da ...”
Als Konsul Johnsen danach in sein Kontor zurückkehrte, ging ihm alles wie ein Mühlrad im Kopfe herum; er mußte sich erst wieder fassen. „Theologie!” sagte der Postmeister mit einem spöttischen Lächeln, aber seine Reden waren doch wahrhaftig richtige Theologie! Der Konsul ärgerte sich über den ganzen Besuch, er war kein Nikodemus, der bei Nacht zu dem Meister kam, er war ausgegangen, um sich etwas zu zerstreuen, nicht um bekehrt zu werden. Das einzige Reelle, mit dem er zurückkam, war die Nachricht, daß der Doktor nach Havre an Scheldrup geschrieben hatte. Klatsch und Bosheit vielleicht, Intrigen, ein Fünfkronenbesuch bei einer Wöchnerin auf der Werft — zum Kuckuck mit dem Doktor!
Der Konsul vergaß nicht, seinem Geschäftsführer Berntsen Auftrag zu geben, dem Apotheker fünfzig Flaschen Madeira zu schicken. Und ganz plötzlich mußte er wieder an den Postmeister denken. Gott bewahre mich, was muß dieses Mannes Frau an Geschwätz ertragen! Wie, wenn er auch Postmeisters fünfzig Flaschen Madeira als Geschenk zuschickte? Aber sie würden wohl mit dem Boten gleich wieder zurückgebracht werden.
Kein Zweifel, der Wein würde mit dem Boten sofort wieder zurückgeschickt werden — der Konsul mußte über die fabelhaft genügsamen Menschen lächeln. An sich selbst arbeiten, wieso? Sah man jemals, daß man von der Vorsehung einen Dank dafür gehabt hätte? Wir haben einen Schmied Carlsen hier am Ort, einen gottesfürchtigen Mann, der strebt dem Guten nach und ist stille, tut niemand etwas Böses, schwatzt niemand halb zu Tode über die vielen Erdenleben — er wird vom Unglück verfolgt, von häuslichen Sorgen, hat mißratene Kinder, einer der Jungen soll ein Landstreicher sein. Ist das Gerechtigkeit? Der Schmied Carlsen hat einen Bruder, den Polizei-Carlsen, einen alten Gauner, einen Fuchs mit einer reichen Frau, die ein Klavier besitzt, mit einem Sohn im Kirchendepartement, mit einer Tochter in der Schreudermission — alles miteinander vielleicht, weil der Polizei-Carlsen nicht an sich selbst gearbeitet hat?
Laßt uns für uns selbst arbeiten!
14
Henriksen auf der Werft hoffte zu Gott, daß seine Frau es diesmal auch gut überstehen werde, obgleich sie sehr krank war. Es war eine vergebliche Hoffnung. Gerade ehe er zu Mittag nach Hause gehen wollte, bekam er die Nachricht. Er stand mitten unter seinen Arbeitern und vernietete einen Nagel; da ließ er Nagel Nagel sein, warf den Hammer weg und rief, indem er eilig davonging: „Geht es ihr viel schlimmer?” — „Ja, sie liegt jetzt ganz ruhig da.”