Sie lag jetzt ruhig da. Am Morgen war der Doktor sehr hoffnungsvoll fortgegangen, im Lauf des Vormittags hatte man nach dem Pfarrer geschickt, aber er war zu spät gekommen.

So konnte es gehen.

Nun handelte es sich um das Begräbnis, um den Leichenschmaus, die Blumen, schwarze Kleider, die Flagge auf Halbmast; Henriksen mußte nicht alles allein besorgen, Lydia, die Frau des Fischer Jörgen, und Petra halfen ihm, aber er mußte doch seine Zuflucht zu starken Getränken nehmen, um alles durchmachen zu können. Es war um so schwerer für Henriksen, als seine Frau den ganzen schrecklichen Vormittag hindurch, wo sie mit dem Tode rang, nicht erlaubt hatte, daß man ihn holte; sie hatte ihn schonen wollen, sie war immer so gut gewesen. „Aber holet den Pfarrer!” hatte sie geflüstert; der war indes nicht mehr recht gekommen.

Da lag sie nun, gefällt mitten in ihrem Lauf, mitten in ihrer Gesundheit und Jugend, einige dreißig Jahr alt. Es war zu traurig, und obgleich Henriksens nur gewöhnliche Leute waren, die sich heraufgeschafft hatten, wollten ihr alle Honoratioren der Stadt die letzte Ehre erweisen. Ja, das wollten sie. Frau Konsul Johnsen sträubte sich ein wenig: „Wir sind nicht bei Kaufmann Davidsen gewesen, als er Konsul wurde,” sagte sie. — „Nein, er sollte aber auch nicht begraben werden,” erwiderte ihr Mann. — „Diese Henriksens,” sagte sie; „wir verkehren ja nicht mit ihnen, warum sollen wir sie da zu Grabe geleiten?” — „Dann wird darüber geredet,” versetzte der Konsul.

Frau Johnsen gab nach, aber sie behauptete, dann sei sie wirklich sehr liebenswürdig. Die arme Frau Konsul Johnsen, sie bewegte sich im allgemeinen so wenig wie möglich und war in den letzten zwei Jahren immer schwerfälliger geworden, sie war überhaupt nicht für Leibesübungen geschaffen, o nein. Der Konsul dagegen hielt sich immer mit derselben anständigen Rundung und dem langsam ergrauenden und lichter werdenden Haar, er ging im Leichenzug mit hohem Hut und leuchtend gestärkter Hemdbrust.

Dieses große Trauergefolge tröstete Henriksen in gewissem Sinne, er verbeugte sich vor Konsul Johnsens und Doktors, überhaupt vor allen, strahlender, als er eigentlich gesollt hätte, und seinen kleinen Mädchen hatte er eingelernt, dankbar zu knicksen. Die Werftarbeiter trugen den Sarg, aber hinter ihm ging die ganze Stadt im Zug; Flaggen trauerten von jeder Stange, die Kirchenglocken läuteten. Sogar Olaus vom Wiesenrain war mit im Gefolge, und er erklärte auch jedermann warum: allerdings sei ihm auf dieser verdammten Werft die Hand abgerissen worden; aber Frau Henriksen sei immer in jeder Beziehung ein guter Mensch gewesen. „Eine verflixt brave Frau, Ehre ihrem Andenken! Du hast wohl nicht eine Prise Tabak?”

Und dort am Brunnen stehen jetzt ein paar Weiber mit den Händen unter der Schürze; sie sehen dem Zuge nach und besprechen leise all den Blumenschmuck und die ganze Festlichkeit. „Gott steh mir bei, da ist wahrhaftig auch Olaus vom Wiesenrain, der hat keine Scham im Leibe! Er weiß wohl, was er tut, die Getränke und Kuchen sind's, auf die er es abgesehen hat; seine blaue Nase hat das von weitem gewittert.” Und Henriksen würde ja ordentlich traktieren, das ist sicher; er war kein Geizhals, seine Arbeiter hatten frei, und alle Leute von der Stadt, die nur wollten, konnten sich an die langen Tische setzen, die in seinem Garten aufgestellt waren.

Oliver hinkte auch mit. Er trank nicht und brauchte sich nicht um einen Bissen Kuchen zu reißen; was er von Näschereien und Backwaren gerne aß, das kaufte er sich selbst. Aber Oliver ging mit, weil alle besseren Leute vom Ort mitgingen. An diesem Vormittag war ohnedies kein Umsatz im Lagerhaus, die Menschen waren wie weggeblasen. Oliver bürstete seinen Anzug aus, betrachtete sich genau im Spiegel, verschloß die Tür und ging mit.

Ein Gefolge von vier Konsuln und einer ganzen Stadt war nichts Alltägliches, ja selbst eine schwedische Brigg, die am Landungsplatz lag und Mehlwaren für Grütze-Olsen löschte, flaggte auf Halbmast.

Das konnte sie wohl tun, die Taglöhner waren fortgelaufen, das Bollwerk lag verlassen da. Diese Brigg hatte übrigens einen kranken Mann an Bord, und es wurde nach dem Doktor geschickt, der Doktor konnte indes erst nach dem Begräbnis kommen, dann aber würde er keinen Augenblick weiter verlieren.