„Du Abel, du Abel!” sagte der Vater, und es war nicht ausgeschlossen, daß sich etwas Stolz in dem Herzen des Krüppels regte. „Willst du ganz beim Schmied bleiben?”

„Ganz? Nein. Nur während er die viele Arbeit hat.”

Aber Schmied Carlsen hatte wochenlang viel Arbeit, ja monatelang, und er hatte soviel zu schmieden und instand zu setzen und aufzuarbeiten, Abel mußte dableiben. Nicht daß er richtig in die Lehre da gegangen wäre und das Meer vergessen hätte, o nein, aber er hatte es gut beim Schmied und verdiente sich ordentlich etwas für Essen und Kleider; er brauchte beides notwendig.

Zwischen dem Schmied und dem Schmiedejungen herrschte ein freundschaftliches Verhältnis, bisweilen setzten sie sich mitten in der Arbeit zusammen und rauchten eine Pfeife, indem der Schmied behauptete, er fühle sich elend und könne nicht mehr so hart schaffen. Im ganzen genommen hatte Abel den Eindruck, daß es mit der Arbeit, die jetzt noch übrig war, nicht so sehr eilte; allerdings kamen ab und zu neue Aufträge dazu, aber nicht mehr, als der Meister hätte allein bewältigen können. Eines Abends sagte Abel, ob er denn wiederkommen solle? Der Schmied meinte, er höre nicht recht, es habe ja noch nie so geeilt mit der Arbeit wie am morgigen Tage.

Der Meister war Witwer mit erwachsenen und verheirateten Kindern, er war der Bruder des Polizei-Carlsen, ein Mann, der unverdrossen arbeitete und von Tag zu Tag sein Tagewerk leistete, nach mehr trachtete er nicht, so hatte er seine kleine Schmiede seit anderthalb Menschenaltern betrieben. Er hatte eine verwitwete Tochter bei sich, die ihm das Hauswesen besorgte. Bisweilen erzählte er von seinen Erlebnissen, lauter Kleinigkeiten, alltägliche Ereignisse; aber da er seine Schmiede niemals verlassen hatte, bekam jede Kleinigkeit eine übertriebene Bedeutung für ihn. Warum er es nicht ins Große getrieben hatte mit Gesellen und Lehrjungen? Er hatte sich keine Mühe darum gegeben, hatte nicht die Mittel dazu gehabt, nicht das Haus dazu, nicht einmal die Schmiede dazu. Die große Kinderschar hatte ihn auch allmählich daran gehindert, es ins Große zu treiben.

„Denk dir, fünf Mädchen,” sagt er, „fünf Stück nur Mädchen, und außerdem noch zwei Jungen!” Dann war ja noch ein Schmied draußen auf dem Lande, grad am Weg nach der Stadt, der tat alle Bauernarbeit, Hufeisen, Pflüge und Sensen. Carlsen war der Stadtschmied, er schmiedete kleine häusliche Sachen für die Familien und bisweilen — wie jetzt, wo er sich Abel zur Hilfe genommen hatte — auch größere Sachen für die Schiffe.

„O ja, wonach soll der Mensch trachten?” sagt Carlsen. „Ich hab' mich die ganze Zeit durchgeschlagen, mit dem da!” fügt er lächelnd hinzu und deutet auf den Hammer. „Mehr brauch' ich nicht, und mehr bin ich auch nicht wert. Über kurz oder lang muß ich sterben, genau wie mein Vater gestorben ist und wie meine Kinder sterben werden. Dann muß ich ja doch alles verlassen und wenn ich auch noch so viel hätte. Adolf ist auf der See, er ist in England verheiratet, er verdient nur gerade genug für seine Familie und hat nichts übrig, um nach Hause zu schicken, ich schreib' ihm jedesmal, ich könnt' ihm eher etwas schicken, wenn er in Not sei. Dann fährt und fährt er auf der See, und über kurz oder lang muß auch er sterben. Ja ja, kleiner Abel, den Weg müssen wir alle gehen. Siehst du, Adolf war der jüngste, es ist achtzehn Jahre her, seit er mit dem Schiff fortfuhr, und seither ist er nicht mehr daheim gewesen. Achtzehn Jahre sind eine lange Zeit, das ist vor deiner Zeit gewesen, er hat sogar seine Schiffskiste von deinem Vater gekauft. Er fährt und fährt auf dem Meere, und zum Schluß muß man sich hinlegen! Es ist sonderbar, wenn ich daran denke, er war so klein, als er hier in der Schmiede bei uns herumkrabbelte, es ist mir gar nicht, als sei es so lange her.”

Die Stimme des Schmieds versagt ein wenig, dann steht er auf, geht an die Bank am Fenster und starrt durch die undurchsichtigen Scheiben hinaus.

„Hm!” räuspert er sich und rafft sich zusammen. „Eigentlich sollte ich die Scheiben einmal abwaschen,” scherzt er. „Oder was meinst du, Abel? Es ist wohl vierzig Jahre her, seit sie das Tageslicht nicht mehr gesehen haben.”

Er lacht und setzt sich wieder zu Abel. „Ja, ja, ja, wahrhaftig. Und mein ältester Junge tat allerlei Arbeit ringsum im Lande. Er wollte nichts Festes betreiben, sondern von einem Ort zum andern wandern; auch das kann vielleicht ganz gut sein, aber ich weiß doch nicht. Er ist nie daheim, nein, er ist recht eigen, er hat sich in den Kopf gesetzt, er wolle nicht heimkommen, ehe er so viel Geld habe, um das Haus auszubauen, damit wir in die Höhe kämen; der Junge ist da draußen in der Fremde wohl immer noch verdrehter geworden. In die Höhe — meint er etwa, wir sollen fliegen? Ich möchte nur, ich könnte einmal nur eine Stunde lang mit ihm reden. Aber seine Schwester, sie, die bei mir ist, kommt ab und zu mit ihm zusammen, sie sind sehr gute Freunde, er spielt ihr auf der Mundharmonika vor. Als kleiner Bursche war er ein Meister auf der Mundharmonika, und jetzt soll er sogar noch besser spielen. Ist es nicht sonderbar, wenn ich so an uns alle denke! Erst kürzlich ist er mit seiner Schwester zusammen gewesen und hat ihr auf der Mundharmonika vorgespielt; aber er war so bärtig, daß sie ihn fast nicht erkannt hat, und er hatte auch schon einige graue Haare. Aber nein, er wollte nicht heimkommen; ehe er ein Geldmann geworden sei, würden wir ihn nicht zu sehen bekommen! Das ist doch eine Art Wahnsinn. Und dann kam er doch eines Tages in die Schmiede herein, schlug mit dem Hammer und trug Eisenstücke herbei und schwatzte mit sich selbst. Es ist noch nicht lange her, ich glaube erst einige Jahre. Und wo immer du ihn auf der Straße sahst, zog er seine Mundharmonika heraus und spielte ein wenig. Und seine Mutter steckte ihm ja, so lange sie lebte, oft eine besondere Portion Essen zu, weil er so in die Höhe schoß, und wenn er ein neues Kleidungsstück bekam, dann streckte er uns sein Händchen hin und bedankte sich. Hm!”