O, aber die See, es fehlte nur noch, daß er sie vergaß! Sein Kamerad Eduard, der nach den letzten Nachrichten in Südamerika war, der war nun schon zwei Jahre auf der See, und hier war Abel noch auf dem Festlande und stand in einer Schmiede! Nein, danke! Allerdings, ganz ohne Reiz war es nicht; er wurde tüchtig und ordentlich rußig dabei, die Leute konnten sehen, was er leistete, und es gab ihm ein gewisses Ansehen bei den andern Jungen von seinem Alter, wenn er mit klirrenden Eisenstangen auf der Schulter wie ein Erwachsener durch die Straßen schritt. Und mußten nicht die kleinen Jungen sich vor seinen Eisenstangen in acht nehmen und auf die Seite treten, um nicht aufgespießt zu werden?

Es war also gar nicht so schlimm. Dazu kam, daß Abel zu regelmäßigen Zeiten nahrhaftes Essen bekam, er schlief regelmäßig, er wuchs fest in einer besseren Lebensweise. War es nicht auch äußerst behaglich in diesem Handwerkerheim, wo alles an seinem Platz war, der Fußboden sauber, blühende Fuchsien am Fenster! Am Sonntag zog der Schmied einen guten Anzug an und wanderte langsam in der Stadt und in Feld und Wald umher. In die Kirche pflegte er nicht zu gehen, aber er war ein redlicher, frommer Mann mit tausend Sünden, die er bereute, und tausend Wohltaten Gottes, über die er sich freute. Alles war unverdient gut.

Eines Sonntags trifft ihn Abel auf der Straße. „Komm ein Stück mit!” sagt der Meister. „Wohin willst du?”

O, Abel wollte nirgends hin, er trieb sich nur herum, er war einsam, Klein-Lydia war ihm ganz aus dem Gesicht gekommen. Na, Glück auf die Reise! Und jetzt hätte sie es so gut haben können, er wendete den Kopf nicht mehr nach ihr um! Ihr Bruder Eduard war einmal sein guter Freund gewesen, aber nun war wohl auch er hochmütig geworden, er schrieb niemals ein Wort an Abel, und jetzt war er in Südamerika. Aber wo sollte Abel dann an einem Sonntag hingehen? Daheim konnte er jedenfalls nicht sitzen bleiben, sauber gewaschen, in seinem neuen Anzug und mit einem blanken Messer in glänzender Scheide, das er sich gekauft hatte; sein Bruder Frank war auf der höheren Schule und nie daheim, und Oliver, sein Vater, war zwischen die Scheren hinausgerudert, was er ohne Ausnahme an allen Sonntagen tat; er ließ nicht davon ab, auf Abenteuer auszugehen. Nein, Abel wollte nirgends hin. Aber er kannte im Ödland einen guten Platz, wo es Kreuzottern gab, und nun war er wohl auf dem Wege dahin, um einige zu erlegen. Älter war er nicht, ein Junge war er noch immer.

Oder hatte er auf den Schmied gewartet? Es müßte denn sein, damit ihn gewisse Leute in geachteter Gesellschaft sehen sollten. Wenn sie am Stubenfenster saß, und er ging mit dem Meister vorbei, so schadete das gar nichts. Aber sie konnte es dabei genau so halten, wie sie selbst wollte — wie heißt sie nur gleich? Klein-Lydia — na, jedenfalls ging er ganz wie ein Schmiedsgeselle und unentbehrlich für Carlsen vorüber ...

Als sie Fischer Jörgens Haus hinter sich haben, merkt der Schmied allmählich, daß er ganz allein spricht und Abel ihm nicht antwortet. Der Schmied hatte zwar nicht mit einem blitzschnellen Seitenblick nach einem gewissen Fenster etwas entdeckt und dadurch heftiges Herzklopfen bekommen, aber er fühlt, daß er für Abel ein zu alter Gefährte ist. Lächelnd sagt er: „Ja, jetzt danke ich dir für die Begleitung, Abel, ich muß diesen Weg hier einschlagen.”

Abel geht nach den Kreuzottern. Auf einem steinigen Abhang pflegten viele zu sein; sie lagen da auf dem Geröll und sonnten sich in aller Behaglichkeit, Abel und andere Jungen hatten im Lauf der Jahre gar oft Jagd auf sie gemacht. Mit dieser Jagd war Gefahr und Ehre verbunden; in den Schultagen stand man in großem Ansehen dafür.

Als er in die Nähe des Abhangs kommt, hört er lautes Rufen und Geschrei von anderen Jungen, die schon vor ihm dort sind; da geht er nicht weiter. Nein, denn das sind natürlich noch Kinder, achtjährige, und die sind so dumm. Verständige Leute schreien nicht auf der Kreuzotterjagd, sondern halten den Atem an und treten so sachte auf wie auf Rosenblätter.

Was jetzt? Jenseits des Hügels weiß er einen Platz, wo ein gutes Echo ist, dorthin lenkt er seine Schritte; ein Junge ist er eben doch noch.

Hier ist es still und abgelegen und keine Menschenseele weit und breit. Er ruft — ja, das Echo ist da. Aber eigentlich ist er mit viel wichtigeren Dingen beschäftigt, als ein Echo zu probieren, er wirft sich ins Heidekraut und lebt in Gedanken den Vorgang bei einem gewissen Fenster noch einmal durch. Na, was hatte er im großen und ganzen mit diesem Einfall erreicht? Das Messer mit der neusilbernen Scheide hing auf der richtigen Seite und glänzte sehr schön, aber hatte sie es auch gesehen? Und außerdem hätte die Gestalt hinter den Scheiben gut eine von ihren Schwestern und nicht sie selbst sein können. Nichts war entschieden.