„Das meine ich auch. Und doch ist es eben erst angefangen.”
O, Fräulein Fia war ein merkwürdiges Wesen, sie lebte ihr Leben mit großartigem Vorbehalt, laßt sie nur sein, wie sie ist, sie selbst hält es für das richtige! Das sind wohl ihre glücklichsten Stunden, wenn sie in der Nationalgalerie sitzt, Bilder kopiert und diese ähnlich werden. Wenn jemand sich für ihre Malerei interessieren und ein wenig darüber in den Zeitungen bringen würde, dann hätte sie nicht den Wunsch, noch glücklicher zu werden, als sie ist. Sie war gut veranlagt, ohne Bitterkeit, war voller Wohlwollen, ihr Ehrgeiz verursachte ihr keine Qualen.
Ja, ein merkwürdiges Wesen, es fehlt ihr wohl dies und jenes, aber die Mängel schienen nur zu ihrem eigenen vorteilhaften Besten zu sein. Hatte sie ein Schuldgefühl? Es sah nicht danach aus. Sie war in ruhiger Weise mit sich selbst zufrieden, tat nichts Böses, bereute nichts, kannte keine Traurigkeit. Was sollte sie anders wünschen? Sie malte und machte Reisen, weiter nichts, in den Städten hatte sie gute Freunde, sie hat vielerlei erlebt, aber nicht viel. Viele fanden, sie sei in Gelehrsamkeit und Unnatur erstickt. „Hör' einmal,” konnten sie sagen, „ist dir das Maßhalten angeboren, Kind? Aber es gibt erlaubte und zulässige Freiheiten, Komtesse, du kannst dich also ruhig verlieben, Mädchen!” — „Aber warum denn?” konnte sie erwidern.
Was sollte sie anders wünschen? Hätten nicht diese so viele im Streben nach der Malerei weggeworfenen Jahre auf andere Weise angewendet werden können? Warum denn? Es waren geliebte Jahre, war eine poetische Mission, ein Beruf, diese Jahre bewahrte sie gut auf, wie man Erbsilber aufbewahrt. Sie strebte, kam aber nicht vorwärts, o nein, aber sie blieb dabei, es war eine Art Trotz. Ein Aufhören, ein Umkehren auf dem Wege schien ihr unmöglich, sie brauchte keine Erlösung von ihrer fixen Idee, für diese war sie angelegt. Nein, sie hatte kein Schuldgefühl und empfand keine Traurigkeit.
Und wie nun ihr alternder Vater da neben ihr sitzt, ihr zuhört und sich in ihrer Freundlichkeit und ihrem Behagen sonnt, dann denkt er vielleicht: „Gott weiß, ob nicht die Fia die klügste von uns allen ist! Sie ist vom Schicksal ganz unverfolgt und ungestraft, während wir andern uns in ewigem Kampfe abmühen!”
„Im Landtag sind sie hinter uns Schiffsreedern hergewesen,” sagt er. „Sie berichten, wir ließen unsere Matrosen verhungern und sich zu Krüppeln schlagen.”
Sie fährt nicht auf, sondern nimmt es gelassen hin, läßt nur den Pinsel sinken und sagt: „Wirklich?”
„Ja, das versteht sich! So erscheint es also den Außenstehenden.”
„Tut es dir weh?”
„Nicht gerade weh. Aber es ist nicht angenehm für mich, ich werde älter und weniger leistungsfähig, und Scheldrup ist abwesend. Na, gottlob, daß ich dich habe, Fia,” schließt er.