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Der junge Mann ging wieder in den Kramladen und wählte wieder zwischen den fertigen Anzügen. Da er mager und schmalschulterig war, hatte er keine Mühe, eine Joppe zu finden, die ihm paßte, da er aber auch sehr aufgeschossen war, paßte ihm die dazugehörige Hose nicht, sie war zu kurz. Ein Rockanzug war allerdings da, der in jeder Beziehung paßte, aber Berntsen meinte, er sei zu teuer.

Der gute Berntsen war nicht immer ganz so, wie er aussah, er war zwar freundlich und wohlwollend gegen alle Menschen, aber durchaus kein Lamm. Er war außerordentlich zuverlässig, und das Geschäft ging ihm über alles, aber gerade durch diese Eigenschaften wurde er sogar oftmals für den Chef unbequem. Selbst Frau Johnsen ging nicht gerne zu Berntsen, allerdings auch ebensowenig zu einem der andern Angestellten, wenn sie irgend etwas aus dem Laden verlangte. Sie fand kein Vergnügen dabei, Kleiderstoffe und Putz mit Berntsen zusammen aussuchen zu müssen. Aber er war ein verflixt tüchtiger Geschäftsmann.

„Meiner Ansicht nach bist du zu jung für einen Herrenrock,” sagte er zu Frank. „In ein paar Jahren ist es immer noch Zeit dafür.”

Reinert trage auch schon einen Herrenrock, obgleich er jünger sei, wendete Frank ein.

Es half aber nichts. Was Reinert, der Küstersohn, trage, sei keine Vorschrift für alle andern, er sei ja auch früher schon in Kniehosen herumstolziert. „Und im übrigen,” sagte Berntsen sehr freundlich, „so ist das etwas anderes bei Reinert, sein Vater bezahlt dafür.”

Der junge Frank war frühzeitig daran gewöhnt, Zurückweisungen zu verstehen und zu deuten; sie kränkten ihn nicht sehr, sie hatten ihn nur auf seinem Platz zurückgehalten, so daß er nur äußerst selten zu weit ging; geschah dies, so zog er sich sofort wieder zurück. Er wußte ja, daß doch Rat geschafft wurde. Jetzt nahm er den Anzug, der für ihn ausgesucht worden war, und bedankte sich dafür. Was waren außerdem Anzüge für ihn? Andere höhere Dinge lagen ihm im Sinn.

Reinert hatte draußen auf ihn gewartet, die beiden Studenten wanderten nun miteinander durch die Straßen, nicht weil sie Busenfreunde gewesen wären, sondern weil sie Studenten waren. Nein, sie waren keine Busenfreunde. Begabt waren beide, glänzende Sprachtalente, aber Frank stand in dem Rufe, ein gutes Stück voraus zu sein. Dieses Stück war es, was Reinert nicht ertragen und auch trotz aller Mühe nicht einholen konnte, das machte ihn oft bitter und gewissermaßen rachgierig. Aber auf einem Gebiet war er überlegen, obgleich er Frank an Jahren nachstand: bei den jungen Mädchen, den Damen. Konnte ihm Klein-Lydia widerstehen, konnten es die kleinen Mädel auf der Werft? Hier kam es ihm zu gut, daß er für Staat und schöne Kleider, für gestärkte Leibwäsche und spitzige Schuhe Sinn hatte, dazu kam, daß er Mut in der Brust trug und nicht schüchtern war; seht, er war ja nie durch Zurückweisungen niedergedrückt worden. Deshalb fiel es Reinert auch gar nicht ein, in eine Seitengasse auszuweichen, als den beiden nun Heibergs Alice begegnete, er begrüßte sie und blieb stehen; ja, das tat er.

Und jetzt war Frank an der Reihe, sich unterlegen zu fühlen, die Dame gönnte ihm kein Wort, kaum einen Blick. O, aber er würde sich wohl hüten, seine Augen auf den Kirchturm zu richten, um zu sehen, wieviel Uhr es sei, denn Reinert hatte die Gewohnheit angenommen, seine Uhr herauszuziehen und mit einem neuen Medaillon, in dem eine Haarlocke lag, zu glänzen, natürlich baten die Damen dann sofort, die Haarlocke sehen zu dürfen, sie waren so albern. Frank trug einen neuen Anzug unter dem Arm und eine große Banknote in der Brusttasche, er fühlte sich ausnahmsweise einmal obenauf und fragte die Dame: „Wie ist es Ihnen ergangen, seit wir uns zuletzt sahen?” — „Danke, gut,” antwortete sie zu Reinert gewandt. — O, Heibergs Alice war nicht so albern wie die andern!

„Ich trage nur rasch meinen Pack nach Hause und komme gleich wieder,” sagt Frank schlauerweise.