Er geht zum Schulvorsteher. Die Beinkleider sind und bleiben trotz allem zu kurz, die Joppe hängt an ihm herunter so von ungefähr wie nach einer Grammatik mit wahlfreien Formen herausgeschnitten. Er ist sehr aufrecht, sieht sonderbar aus, er trägt eine Mütze, die ihn als zur Chineserei gehörig bezeichnet, zur Kaste. Da der Weg zur Schule seit seinem letzten Aufenthalt im Ort verlegt worden ist, verirrt er sich etwas und steht dann plötzlich vor einem Haus. Er sagt zu sich selbst und zu einer Frau, die unter der Tür steht:
„Ich war ganz in Gedanken versunken —”
„Wohin willst du?” fragt die Frau.
„Nach der Schule,” antwortet er kurz und biegt nach einer Seite ab.
„Dann mußt du dort hinaufgehen!” ruft ihm die Frau nach.
Ja, das war sonderbar, daß sie nicht wußte, wer er war. Oder wußte sie es? Jedenfalls kannte sie ihn aber nicht genügend, um so vertraut zu werden, ihn zu duzen und ihm ungefragt den Weg zu zeigen.
Der Schulvorsteher ist vom Examen mitgenommen, er sitzt in Schlafrock und Pantoffeln in seinem Sessel, er macht es sich mit der Grammatik, insbesondere der Satzlehre, behaglich, er erfrischt sich daran. Es gibt doch nichts Besseres auf der Welt, als so eine ruhige, gelassene Satzlehre einer fremden Sprache, so rein, so ohne Aufregung, ohne Erdichtungen!
„Herein! Bist du's, Frank? Nett, daß du kommst! Kennst du diese hier, Freund Frank? Ich hab' sie eben bekommen, ausgezeichnet! Diese Satzlehre hätte ich vor dem Examen haben sollen, aber da hab' ich mich abgeschunden und mich in der alten vorbereitet. Meine Tochter hat nämlich fast das ganze Jahr hindurch für mich französisch gegeben, und da mußte ich mich aufs Examen wieder vorbereiten. Es ist eben so in unserem Fach, sind wir eine Zeitlang außer Übung; was wir gekonnt haben, ist dann vergessen. Na, dann ist es Gott sei Dank recht angenehm, sich wieder hinein zu versenken, nicht wahr? In dem heiligen Tempel zu knien und mit der göttlichen Weisheit gelabt zu werden!”
Der Schulvorsteher war in diesen Jahren alt geworden, ein ergrautes Kind mit verblaßten Augen hinter der Brille. Er war zufrieden mit Frank, hatte nur Gutes von ihm gehört, wünschte ihm auch ferner alles Gute, setzte die größten Hoffnungen auf ihn. O, mit dem Fleiß, den er zeigte, gehe er einer ehrenvollen Zukunft entgegen, es sei nicht unmöglich, daß er einmal der Vorsteher dieser selben Schule hier, aus der er hervorgegangen war, werden könne. —
Der alte Philologe war demütig, das Leben selbst und auch seine ganze Laufbahn hatten ihn drunten gehalten und dazu gebracht, bescheiden zu denken, niemand konnte sich weniger mit seiner Philologie brüsten, als er es tat. Er nannte niemals die großen Forscher, die großen Sprachgenies, verstand wohl auch nicht viel davon, kannte wohl kaum ihre Namen, was sollte er mit den Genies? Sein Beruf war es nicht, Funde zu machen, er sollte nur lehren, nur lehren: ganz genau soviel lehren, um leben zu können, ganz genau soviel lehren, um andere durch die „Pensa” fürs Examen zu bringen. Der Schulvorsteher hatte also das Seinige getan. Ein mageres, trauriges Dasein, Armut und Geistesdunkelheit, Niedergang, aufreibende Arbeit und Blindheit. War das noch Geisteskrankheit, war es noch Schicksal, eine Torheit des Himmels? Nein, es war die des Menschen, des Affen.