Jetzt sprach der Schulvorsteher übrigens von andern lobenswerten Schülern, von zwei andern, auch sie glänzende gewaltige Lernköpfe; Frank war jetzt so weit gekommen, daß der Schulvorsteher seine Aufmerksamkeit neuen Fällen von begabten Kindern zuwenden konnte. „Leb' wohl, Freund Frank, Gott sei mit dir!”
Frank geht heim, auch er zufrieden und erhoben. Er hat keine Gelegenheit gehabt, sich für ein bestimmtes Brotstudium auszusprechen, der alte Sprachlehrer nahm wohl für selbstverständlich an, daß es Philologie sein werde, was denn sonst? Und im Grunde war es ja auch gleichgültig, wenn er nur viel las und lernte: das war sein eigentliches Ziel. Frank verläßt den Vorsteher der Schule, den Vorsteher des großen Steinhauses und geht heim.
Am Abend kommt der Vater aus dem Lagerhaus und Abel aus der Schmiede; das ändert für Frank nichts, er hat die Kammer im alten Hause als Heim und Bude. Die Absicht war, daß er auch in den Ferien studieren und lernen sollte, studieren, sein Gedächtnis vollstopfen, in Sprachen untertauchen, und das tat er auch. Wenn er zum Essen gerufen wurde, hatte er irgend etwas ausgeklügelt, war noch gelehrter und unirdischer geworden. Aber alle diese Mahlzeiten nahmen ihn sehr in Anspruch.
Er konnte mit einer leeren Konservendose hereinkommen, die er von draußen mitgebracht hatte, und fragen: „Was meint ihr wohl, daß auf dieser Büchse steht?” Ach, das wußte niemand. Aber die Mutter kannte das Zeichen von ihrer Dienstzeit bei Konsul Johnsens her und riet „Lachs vielleicht?” — „Jawohl, aber das ist doch nicht Englisch,” sagte Frank gekränkt, die Mutter machte ja mit ihrem praktischen Wissen seine ganze Weisheit zuschanden. „Hier steht Alaska Salmon.” Nun griff der Vater ein. Er war Matrose gewesen und wußte viel: „Alaska ist ein Land, ich werde doch wohl wissen, was Alaska ist.”
Die Konservendose brachte Frank keinen Triumph.
Sie kamen zu ihm mit andern Dingen, die sie nicht verstanden. Die Mutter kam mit einer Fadenrolle, bitte „Brook Brothers, fünfzig Yards.” Wieder griff der Vater ein, ohne Rücksicht auf seinen Sohn, und sagte mit geschwellter Brust, was es bedeutete. „Seemannsenglisch!” sagte Frank. Im ganzen war Oliver, der Hausvater, ungenau mit seinen englischen Erklärungen, er schwächte die Größe und das Geheimnisvolle dieses Augenblicks ab, indem er den Nadelbrief seiner Frau erklärte: „Silver Eye, Cast Steel.” — „Das gehört mit kleinen Buchstaben geschrieben,” erklärte Frank. — Dies begriff der Vater nicht. „Warum sollten die Buchstaben kleiner sein?” fragte er. Da gab Frank die einzig richtige Antwort: er schwieg. Und plötzlich ward ihm eine wohlverdiente Erhöhung. Die Mutter brachte eine Schachtel, die sie in einem Laden bekommen hatte, darauf stand: „Toilet Soap. Superior.” Nein, jetzt war Olivers Weisheit zu Ende, jedes Wort war ihm fremd, Frank mußte feierlich nachhelfen.
Da saß nun sein Bruder Abel, er verstand nichts von der Vorstellung und schwieg. Welch ein Unterschied zwischen den Brüdern! Einen Augenblick schien sich im Herzen des gelehrten Bruders ein wenig Mitleid mit Abel regen zu wollen, er war ja eben erst heimgekommen und wollte sich nicht über ihn erheben. „Jaja, Abel,” sagte er. „Das ist gar keine Hexerei, du wüßtest gewiß ebensoviel wie ich, wenn du studiert hättest.” Abel lächelte etwas verlegen und schüttelte den Kopf.
In vielen Fällen hatten die Betreffenden Nutzen von Franks Sprachenkunde; die Gelehrsamkeit hatte in Olivers Haus ihren Einzug gehalten. Sonderbar, daß niemand von den Nachbarn sich einstellte, um sich rätselhafte und ausländische Worte in der Zeitung oder auf einem Paket Tee erklären zu lassen! Sie hatten keinen Sinn für Bildung und geistige Fragen, sie waren dumm und faul. Derartig war Franks Umgebung.
Eines Abends kam Oliver nach Haus und sagte: „Wenn du nachher gegessen hast, Frank, und ganz satt bist, dann will ich dich etwas fragen.” Sie aßen unter einer gewissen Spannung, Frank allein war gelassen, er zweifelte nicht daran, daß er antworten könnte.
Dann kam der große Augenblick. Oliver legte etwas auf den Tisch. Der alte Sünder legte ein Spiel Karten auf den Tisch und fragte Frank, was auf dem Futteral stehe. Ein Spiel Karten also! Die Frauen fielen über ihn her, aber er stillte den Sturm. „Maul halten!” rief er. „Was ihr sagt, das weiß ich schon im voraus, ich würde auch nicht die Hand dazu bieten und so etwas heimbringen, aber Olaus auf dem Hügel hat mich darum gebeten.”