Klein-Lydia hatte ihn vielleicht an diesem Abend erwartet, hatte sich vielleicht aus sehr großer Freundlichkeit eingestellt, sie lächelte, nickte ihm als Erwiderung seines Grußes zu und sagte: „Bist du's, Abel?”

Dies entwaffnete ihn. Eigentlich hätte er nun mit einem Menschen Abrechnung halten müssen; aber als Führer dieses Unternehmens blieb er merkwürdig mutlos stehen und starrte gerade aus.

Lydia ihrerseits wich keineswegs davor zurück, zu den Tatsachen zu kommen: „Warum ich am Sonntag nicht mitgekommen bin? Ich mußte Klavier üben und beides konnte ich doch nicht zu gleicher Zeit.”

„Nein,” sagte er. Aber er wußte ganz gut, daß sie durchaus nicht den ganzen Tag Klavier gespielt hatte, sondern erst am Abend. Außerdem hatte sie seinen Schwestern versprochen gehabt, mitzukommen, diese aber dann im Stich gelassen. Da mochte der Henker drauskommen!

Klein-Lydia saß auf der ärmlichen, engen Holztreppe und nähte, sie flickte oder veränderte etwas an einem Kleid, sie war geschickt mit den Händen. Dann ging es, wie derartiges zu gehen pflegt. Allmählich dachte sie wohl, sie sei überfallen worden; und warum sollte sie sich das gefallen lassen? Dieser Schmiedknecht und seine Schwestern glaubten am Ende, sie seien ihresgleichen, aber sie wollte sie schon eines Besseren belehren. „Ich hab' etwas mehr zu lernen als du,” sagte sie. „Du meinst wohl, Klavierspielen sei leicht?”

„Nein,” sagte er.

„Schon allein die Noten sind entsetzlich schwer. Und dann alle die Übungen.”

„Aber wozu lernst du es denn?”

Ach, wie war er einfältig! Warum sie Klavier spielen lernte! Weil alle besseren Leute es lernten. Sie hatte Tanzen gelernt, sie mußte Klavier spielen lernen, und Sticken und Spitzen häkeln an ihre Hemden, ach, was sie alles lernen mußte! Es war ihr nicht einmal angeboren, mit einem Sonnenschirm in der Sonne zu gehen, sie mußte das erst üben, eine herrliche Sache war es. Auch ihre Schwestern hatten gelernt und gelernt, auch sie waren nicht die ersten besten und dachten nicht daran, sich wegzuwerfen, sie blieben zu Hause und warteten auf einen Steuermann, einen Kommis. So benehmen sich bessere Leute.

Klein-Lydia ärgerte sich nicht sehr über Abels Worte, aber sie schwieg dazu.