Nein, die Jüngste war Maren Salt nicht mehr, aber als sie nun nach Hause ging und schwere Pakete aus den Läden so leicht trug, als seien sie gar nichts, und die Füße regte wie zum Tanz, da konnte sie niemand alt schelten. Sie sah auch gar nicht so aus, die braunen Augen waren klar und kein bißchen feurig, aber man wußte ja, wie dieses Menschenkind war, wenn sie in ihrem Alter noch ein Kind bekommen hatte. Schweigt nur ganz von Maren Salt, an der ist nichts auszusetzen. Waren die Töchter von Jörgen und Lydia vielleicht besser, die zu Hause saßen und etwas Besseres sein wollten? — Waren sie besser? War etwa Fia Johnsen so viel besser, die blauen Flieder malte und einen Mann und einen Wegzeiger mit ganz denselben Augen anschaute?
„Ich bin lang ausgeblieben,” sagte Maren, als sie daheim eintrat. Mattis gab keine Antwort und war im ganzen genommen nicht gut auf sie zu sprechen. Übrigens sang er eben dem Kinde vor und war mitten in einem Vers.
„Soll ich es mit Stadtneuigkeiten versuchen,” dachte Maren, „ein wenig von Kaspar und seiner Frau erzählen, oder von der Hochzeit in Christiania?” Aber Mattis war keiner von denen, die sich um Stadtneuigkeiten kümmerten. „Ist er wach gewesen?”
Mattis singt seinen Vers zu Ende und antwortet dann: „Nein, aber du weckst ihn auf mit deinem Geschwätz.”
„Das tut nichts, er soll jetzt die Brust bekommen,” sagt sie.
Ein sonderbarer Anblick: Der Schreiner Mattis, der an einem Kinderbettchen sitzt und singt!
Er hatte Wut geschnaubt und auf einem Bein getanzt. Das Schicksal hatte ihm einen fürchterlich albernen Streich gespielt, er hatte Maren Salt nicht aus dem Haus gebracht, bevor sie niederkam; das setzte ihm zu und verwirrte ihn vollständig. So etwas, zum Henker, in seinem Haus! Aber es sollte nicht lange währen, zwei, drei Tage, dann warf er sie auf die Straße. — „Und dann ein wenig plötzlich, vergiß auch nicht, deinen Balg mitzunehmen!” Aber es vergingen mehr als nur einige Tage, und dann verging ein Tag um den andern, er hätte einen Besen nehmen und sie aus dem Hause hinauskehren müssen, aber wo sollte sie hingehen? Und dazu ein ganz neugeborenes Kind, allerdings ein kräftiger kleiner Kerl mit fürchterlichen Lungen, aber trotzdem —
Der Schreiner Mattis war ein gutmütiger Mann; er ließ sich gutmütig zwei Stubentüren abspannen, er ließ gutmütig eine junge Frau laufen, die ihn um einen goldenen Ring gebracht hatte, und so weiter. Er fuhr zwar zuerst wutschnaubend auf, und dann ließ er sich gutmütig alles gefallen. Was sollte er auch machen?
Und Maren Salt war ja auch rasch wieder auf den Beinen und kam ihrer Arbeit nach. Das Kind machte nicht viel Last, zu essen brauchte es nichts, es bekam die Brust und schlief, es lag in Marens Kammer in deren eigenem Bett und nahm keinen Platz weg, Mattis fand allerlei Gründe, nicht gar so streng zu Werk zu gehen. Aber in einem halben Jahr etwa, mitten im Sommer, wo niemand mehr erfrieren konnte, da mußten sie zur Tür hinaus, da half alles nichts! Oder allerspätestens in zwei Jahren, wenn der Junge allein gehen konnte.
Er schwur hoch und teuer, er wolle das Kind niemals vor Augen sehen, aber das ließ sich nicht durchführen. Es kam vor, daß Maren Salt, die Mutter, an den Brunnen gelaufen war, aber das Kind richtete sein Schreien nicht danach ein, sondern brüllte rücksichtslos den Schreiner herbei. So ging das einige Male, Mattis knirschte mit den Zähnen und war rasend, aber von Stein war er nicht, er machte die Beobachtung, daß das Kind schwieg, wenn er mit ihm sprach, daß es sich beruhigte, wenn es eine Menschenstimme hörte, und das führte dazu, daß er mehr und mehr mit ihm sprach, und endete damit, daß er ihm vorsang. Als das Kind etwas ins Auge zu fassen vermochte und anfing, ihn zu kennen, nahm er es auch auf und trug es herum. Dieser kleine Unnutz, dieser kleine Kerl, der so nett und leicht in seinen Armen lag — „Sei doch still, nicht so schreien, daß es der Lehrling und der Gesell in der Werkstatt hören, Mund gehalten! Übrigens ist es gar kein Wunder, wenn du schreist, armer Kleiner; dich friert, und du kriegst die Brust nicht, ich muß ihr wahrhaftig einmal die Meinung sagen! Es sollte mich gar nicht wundern, wenn sie dich in dem schmalen Bett in der Nacht einmal totdrückte. Da sieh her, jetzt nehmen wir das Kissen und tragen dich darin herum. Siehst du, so ist es schon wärmer, und ihr werde ich bei Gott die Meinung sagen.” —