Dann wird also der Maler, der Hardesvogtsohn, mit seinem Modell getraut. In der Heimatstadt der Braut wird ein wenig darüber gelästert; als man am Brunnen alles genau überlegte, so war das entschieden auffallend. Aber auf jeden Fall hatte die junge Dame den Kaufmannstand und Scheldrup Johnsen aufgegeben; jetzt sollte es nicht mehr am liebsten der Scheldrup sein, sondern am liebsten ein anderer.
Zu dieser Hochzeit ist der Rechtsanwalt Fredriksen eingeladen; er ist ja als Abgeordneter und Vorsitzender seiner Kommission schon in der Hauptstadt anwesend. Er konnte nicht gut umgangen werden, denn er war eine bedeutende Persönlichkeit, hatte gewissermaßen etwas Amtliches, beinahe den norwegischen Löwen auf der Brust. „Willkommen!” sagte Grütze-Olsen und führte seinen Gast zu einem Ehrensitz an der Tafel.
Und hier bei dieser Gelegenheit will der Rechtsanwalt Fredriksen den Grundstein zu seinem Glück legen und eine vorläufige Abrede mit Grütze-Olsens anderer Tochter — der älteren — treffen. Es sollte noch geheimgehalten werden, sie wollten noch ein wenig warten, Gott weiß warum, allein das gehöre mit zu seinen Zukunftsplänen, sagte der Rechtsanwalt, er werde ja doch nicht immer nur Abgeordneter bleiben, und damit Punktum. Aber die vorläufige Abrede sollte bindend sein.
Also sollte auch Grütze-Olsens zweite Tochter den Kaufmannstand und die flotten Kaufleute aufgeben. Sie war groß und gesund, hatte eine schwere Menge aschblonder Haare, der Rechtsanwalt war schon bei Jahren, kein Turner mehr, ein bißchen unreinlich, ohne griechische Nase, aber ein Teufelskerl, ohne viel Haare, aber mit einer wulstigen Hautfalte im Nacken — es war also eine Schattierung Unterschied zwischen den beiden. Der Rechtsanwalt war schon recht.
Er kehrte wieder in die Stadt zurück. Gewiß, er war sofort Vorsitzender der Kommission wegen der mißhandelten Matrosen geworden, und er trug den Kopf hoch. Eine solche Karriere! O nein, er rannte niemand über den Haufen, aber es war, als ob er eine noch gewichtigere Stimme bekommen hätte, eine Donnerstimme. Das kam wohl von der Übung im Landtag, als er seine berühmte Interpellation einbrachte.
Da geht er nun gegen Abend in den Straßen spazieren, es könnte ja jemand Lust haben, mit ihm zu reden, der Doktor, der dem Doppelkonsul die Interpellationen gönnte, der Zollverwalter, der zur Linken gehörte, der junge Assistent beim Hardesvogt, der selbst Rechtsanwalt werden wollte, und noch mancher andere aus dem Volke. Und der Abgeordnete gönnt jedem im Vorbeigehen ein paar Worte. Aus irgendeinem Grunde war es ihm am wenigsten angenehm, daß sich der Doktor jetzt gerade an ihn hängte; aber er konnte dem nicht entgehen, die andern gingen ihres Weges, der Doktor jedoch ließ ihn nicht los, er war ganz wie früher.
Ganz derselbe Mann in der Stadt, ja. Der Doktor ändert sich nicht, er besucht Kranke, schreibt lateinische Rezepte, glaubt an seine eigene Gelehrsamkeit und an seine Wissenschaft und verdient sein Brot. Er hat genug an der Plage jedes Tages. Selten einmal trifft ihn ein kleiner Glückszufall, wie zum Beispiel, als ihn Henriksen von der Werft nach dem Tode seiner Frau mit einem großen Geldschein bezahlte; aber im großen und ganzen hat der Doktor wenig Freuden. Er ging seinerzeit von dem einen Kaufmann, von Johnsen, mit dem er unzufrieden war, zu einem andern über, zu Davidsen, und wollte es einmal mit diesem versuchen; aber sie waren beide ganz gleich, auch Davidsen schickte eine Rechnung. Der Ärmste war zwar Konsul, allein er war nicht reich und mußte kleinlich sein, alle waren Krämer. So war der Doktor zuzeiten ohne einen festen Lieferanten.
Er war nicht zu beneiden, mit seinem Dasein war kein Staat zu machen. Natürlich grämte er sich niemals über sich selbst, darüber, daß er nicht die Gabe hatte, sich zu ändern, zu bessern, daß er nicht ins Leben paßte, ein Verirrter, ein sauertöpfischer Mensch, ein Narr, dummstolz inmitten der Zweifelhaftigkeit seines Charakters. An den Leuten, an der Stadt und zum Teil auch an der Vorsehung lag der Fehler. Sicherlich war es so, er selbst war ganz so, wie er sein sollte.
Ach, wie er sich hätte ärgern können!
Der Doktor hatte kein Herz für ein richtiges Wagnis, für Gefahren; aber einen Streit scheute er nicht, im Gegenteil, er bohrte und stichelte, wo er Gelegenheit dazu hatte, und machte sich seiner Zunge wegen überall gefürchtet, eine unverscheuchbare Bremse, eine Wespe mit einem Stachel. Es freut ihn, daß ihm nicht jedermann richtig zu antworten wagt. Das war ein Triumph im gegebenen Augenblick, er spottete und lachte darüber. Von Natur böse war er nicht, weit entfernt, seine Eigenschaften hatte er sich erst zugelegt, die Schule und die schematische Entwicklung nach Büchern hatten ihn zu dem gemacht, was er war. Nein, er brachte es auch nicht zu einer achtbaren Größe in der Bosheit, er hatte zu spät damit angefangen, erst als älterer, schiffbrüchig gewordener Mensch, er brachte es nur bis zu einer säuerlichen Unzufriedenheit, brachte es zu Bitterkeit, Groll, Eifersüchtelei, Klatsch. Wenn ein Mensch starb, sagte dieser Arzt mit der gefährlichen Zunge: „Jetzt ist wieder ein Paar Schuhe freigeworden!” und es freute ihn zu sehen, daß seine Zuhörer ein etwas sonderbares Gesicht machten.