„Na, entschuldigen Sie, die Wissenschaft hat anderes zu tun, als Ihnen nachzuschauen. Und wenn sie zurückbleibt, so tut sie klug daran, denn sie will festen Grund unter den Füßen haben.”

„Einen Grund, der sich in jedem zweiten Menschenalter ändert.”

„Ja, so sagen die Toren, die nichts davon verstehen. Ändert zum Beispiel die Mathematik ihre Grundlagen?”

„Nicht, um Ihnen zu antworten, sondern um Ihnen noch weiter Spaß zu machen, sage ich: Die Mathematik muß zu Anfang etwas ‚setzen’. Sie suchte im Licht meiner Sterne und fand ein armseliges X, um darauf zu fußen. Ehre dem X, es steht statt etwas Besserem.”

„Kurz und gut, die Mathematik hat also auch keinen Wert?”

„Meinen Sie? Sie ist gewiß viel wert für Leute, die reine, klare Gedankenarbeit lieben, um des Denkens willen. Die Mathematik steht für sich allein und ist, was sie ist. Aber für unser geistiges Leben ist sie vollkommen gleichgültig.”

Der Doktor fuhr sich mit beiden Händen nach den Ohren, als ob er sie zuhalten wollte, eine unwillkürliche Bewegung gänzlicher Ratlosigkeit. Warum hatte er sich auch auf diesen nutzlosen Wortwechsel eingelassen, der ihm langweilig war und ihn ermüdete! Er ging nicht so weit, sich die Ohren wirklich zuzuhalten, er schwankte vielleicht einen Augenblick, ob er einen Schrei ausstoßen oder davonlaufen sollte, dann faßte er sich aber und trieb seine Festigkeit so weit, daß er den Hut zog und sagte: „Danke, jetzt hab' ich genug. Ich muß Krankenbesuche machen mit meiner armen Wissenschaft!” Damit bog er in eine Seitengasse ein.

Als auch der Postmeister gehen wollte, hielt ihn der Rechtsanwalt zurück; sie mußten jetzt am Geschäft von C. A. Johnsen, am Doppelkonsulat vorbei, und der Rechtsanwalt wollte jemand haben, mit dem er reden konnte, während er an den Fenstern vorbeiging. Ach, er wußte wohl, was er tat, wenn er diesen Weg wählte, er wollte bis hinaus an das Haus des Doppelkonsuls und daran vorbeigehen, hinauf in die Berge, zum Aussichtspunkt. Er hatte seine Gründe dafür.

Der Rechtsanwalt erhob seine Stimme bis zur Stärke der Stimme der Interpellation: „Alles, was Sie da gesagt haben, Herr Postmeister, ist ja sehr schön, und ich hab' viel Herz dafür. Aber wird uns nicht all diese Metaphysik und Geistigkeit untüchtig fürs Leben hienieden machen? Wird sie nicht unsere Tatkraft hemmen?”

„Ich will Sie nicht belehren, aber wenn Sie mich fragen: ich hoffe, daß sie uns ein wenig vorwärtsbringen wird. Wir werden davor zurückschrecken, uns ungerechte Vorteile zuwenden zu wollen, wir werden uns davor hüten, einander gar zu offenkundig auszusaugen. Das finden Sie doch nicht verkehrt?”