Rechtsanwalt Fredriksen atmete auf, alles ging, wie er berechnet hatte, er sah nach der Uhr. Am meisten freute ihn, daß er den Doktor losgeworden war, er kannte dessen gespanntes Verhältnis zu Konsul Johnsen und wollte jetzt nicht gern in seiner Begleitung gesehen werden. Er pfiff auf die Geistigkeit und Metaphysik, Dinge, die unserm Leben hienieden nur im Wege stehen, wir wollen doch weiterkommen in der Welt. Er wollte nicht gerade einen andern über den Haufen rennen, nein, das wollte Rechtsanwalt Fredriksen nicht, aber er wollte auch nicht gehemmt werden. Das war der gesunde Tätigkeitsdrang. Nein, jemand über den Haufen rennen, mit dem Messer zustoßen? Keine Spur! Berntsen, der Geschäftsführer bei Konsul Johnsen, wartete wohl auf Haussuchung und Verhör, aber es sollte nicht geschehen, der Herr Reeder sollte Frieden haben.

Das fehlte gerade noch, daß er noch unangenehmer gegen Konsul Johnsen wurde, als er gewesen war. Der Rechtsanwalt hatte die Zähne gezeigt, brauchen wollte er sie nicht, als Vorsitzender des Komitees hatte er humane, und als Rechtsanwalt Fredriksen intime Gründe, so aufzutreten.

Er geht am Hause des Doppelkonsuls vorbei, ein Haus mit Schnitzwerk, Altan und Veranda, ein großes Haus, Garten mit Flieder und Jasmin, ein Duft von Reichtum und Kultur, Springbrunnen, Zementurnen, Schmetterlinge, Flaggenstange, alles, was dazu gehörte. Er geht in die Berge, richtig, Fräulein Fia macht ihren Abendspaziergang, sie sucht Erholung nach der Arbeit des Tages. Er hat sie nicht vergessen und nicht aufgegeben, er schaut sie mit denselben Augen an wie zuvor, wie die Armut Millionen anschaut. So viel war sicher, jetzt hatte er bessere Aussichten bei ihr, vielleicht wollte die Dame nicht noch weiterhin sich selbst im Wege stehen und schlecht rechnen. Hatten sie und ihre Familie jetzt nicht Hochachtung vor seinem Abgeordnetentum bekommen?

Fia sah ihn hinterher kommen und ging rascher zu.

Ach, die Dame rechnete wohl gar nicht, hatte keine Übung im Rechnen, keinen Bedarf zu rechnen; wie sie geschaffen und angelegt war, mußte Gott wissen!

Sie geht immer rascher, aber das hilft nichts, er holt sie ein, und er bekommt auch in dieser rosenroten Abendstunde seinen endgültigen Bescheid von ihr. Wie rasch sie ging, wie eifrig sie ihm auszuweichen versuchte! Wie stark mußte ihr Verlangen nach Sonnenuntergang und Schönheit sein, wenn sie so lief! Aber Rechtsanwalt Fredriksen war nicht der Mann, der etwas gleich verloren gab.

Er rief ihr von hinten einen Gruß zu und sagte außer Atem: „Sie rennen mir beinahe die Seele aus dem Leibe, Fräulein Fia.”

Sie, fein und blaß, mit vielen Vollkommenheiten, wie gewöhnlich etwas geputzt, kühl wie gewöhnlich, wieder ganz die Komtesse, sprach: „Das tut mir leid. Ich war in Gedanken versunken, ich pflege hier spazieren zu gehen, um allein zu sein.”

„Ist es Ihnen angenehm, so allein zu gehen?” fragt er. „Woran denken Sie, wenn Sie hier oben sind?”

„An das da draußen,” erwidert sie und deutet auf die ganze Welt, Wolken, Meer, Nirwana. „Ja, das tut mir gut.” Und sie begriff wohl diesen Mann gar nicht, dieses Tier, das neben ihr stand und keinen edlen Naturgenuß kannte. Wie jemand nur dafür kein Gefühl haben konnte!