Der Postmeister lehnte ab, nein, danke, es seien ja nur noch wenige Schritte, er habe zu Hause einen Schirm. Doch was er habe sagen wollen: ach ja, zum Unterschied von dem Hasen im Wald und der Möwe auf der See —
„Der Rechtsanwalt denkt ja nur an die Mitgift,” fährt Davidsen fort.
Und der Postmeister seinerseits fährt auch fort: „Ach, was sind wir Menschen doch in endloser Unruhe, Tag und Nacht! Wir kommen nie zur Ruhe. Es gilt nicht, genug zu bekommen, man will mehr als genug bekommen. Unsere Seele steigt in die Höhe und fällt wieder herunter, kriecht auf allen vieren, versucht andere Aufstiege und fällt wieder zurück. Und eines Tages sterben wir. Der englische Kapitän will heut nacht die Anker lichten, das Wetter ist nicht dazu angetan, aber er will trotzdem die Anker lichten. In einer Stadt, zwölf Meilen von hier, soll er eine Ladung einnehmen, er will bereit sein, von morgen früh um sieben Uhr an Holz zu laden. Dann fährt er über die Nordsee und versucht einen neuen Aufstieg. Wenn er schon heut nacht abfährt, gewinnt er einen Tag. Aber gewinnt er einen Tag für sein Leben? O nein, er schindet sich ab, aber er gewinnt einen Tag Verdienst. Die Tiere und die Vögel schlafen bei Nacht.”
„Wollen Sie nicht meinen Schirm nehmen?”
„Nein, ich danke, es regnet ja kaum mehr. Ja, nun will ich Sie nicht länger aufhalten. Der englische Kapitän sprach von Gott —”
„Ja, er sei fromm, hab' ich gehört. Aber jetzt müssen wir zu Bett, Herr Postmeister.”
„Fromm, ja. Ich verstand vielleicht nicht alles, der Engländer hat seine eigene Religion hier auf der Welt und rechtfertigt sie auf ganz englische Weise. Er unterjocht Volk um Volk, nimmt ihnen die Selbständigkeit, kastriert sie und macht sie dick und still. Dann sagt der Engländer eines Tages: ‚Laßt uns nun der heiligen Schrift gemäß gerecht sein!’ Und dann gewährt er den Kastraten etwas, das er Selbstverwaltung nennt.”
„Es ist genau so, wie Sie sagen, Herr Postmeister. Gute Nacht!”
„Gute Nacht! So, Sie wollen zu Bett? Da war übrigens noch eine andere Sache. Ich frage mich, ob nicht vielleicht die Engländer ihren eigenen Gott haben, einen englischen Gott, wie sie auch ihr eigenes Gepräge haben. Könnten Sie sich sonst erklären, daß sie unablässig auf der ganzen Welt Eroberungskriege führen, und nachher, wenn sie gesiegt haben, meinen, sie hätten eine gute und hochherzige Tat vollbracht? Sie verlangen von allen Menschen, daß sie es so auffassen, sie danken ihrem englischen Gott dafür, daß die Untat gelungen ist, sie werden fromm davon. Und nun erlebt man den merkwürdigen Zug an den Engländern, daß sie voraussetzen, auch andere Völker werden sich dessen freuen, was sie getan haben: ‚Nun müssen doch die Menschen gut werden,’ sagen sie, ‚laßt nun die Gerechtigkeit walten, werdet fromm!’ Andern Völkern kommt es merkwürdig vor, daß die Engländer nicht ihre Augen niederschlagen; sie müssen unbedingt ihren eigenen Gott haben, der mit ihnen zufrieden ist und ihnen Rechtfertigung erteilt. Sie schreiben in die Zeitungen, jetzt sei der Augenblick gekommen, jetzt müßte die Menschheit anders werden, sie machen es zu ihrem Programm: ‚Kommt jetzt, wir wollen uns hinsetzen und fromm werden,’ sagen sie, ‚was haben wir denn sonst zu tun? O, wie ganz anders müssen die Menschen nun werden, alle müssen anders werden als zuvor, andere Bilder müßten an die Wände, andere Bücher auf die Bücherbretter, andere Prediger in die Kirchen, wir müssen ein anderes Volksgewissen bekommen. Und ein anderes Zusammenleben unter den Menschen, andere Einrichtungen in den Häusern, eine andere Wissenschaft, eine andere Menschenliebe, eine andere Gottesfurcht — kurz gesagt, jetzt soll es ein anderes Paar Stiefel werden!’ Warum? Weil die Engländer selbst anders geworden sind? Die Engländer werden niemals anders. Weil die Menschheit sich plötzlich gegen früher verändert hat? Die Menschheit wird nur ungeheuer langsam und nach vielen, vielen Erdenleben anders, als sie gewesen ist” —
Der Postmeister schaut auf, es ist niemand bei ihm, Davidsen ist fort. Wahrscheinlich ist Davidsen so lange stehen geblieben, als er vermochte, und hat sich dann gerettet. Es ist nicht das erstemal, daß jemand diesem Prediger aus der Kirche gelaufen ist, seine Gemeinde läßt ihn oftmals im Stich. Eine Gemeinde zieht die Verkündigung vor, die sie erwartet; der Postmeister verkündigt das Unerwartete, er ist einer gegen die ganze Gemeinde. Gesenkten Hauptes geht der Postmeister nach Hause, die Hintertür steht offen wie gewöhnlich, und er tritt in den Gang. An der andern Wand bewegt sich etwas, er hebt die Laterne und sieht einen Mann.