Sie schaut ihn an, und es kommt ihr ein Gedanke: „Du bist doch wohl nicht selbst dabei gewesen und bist mit darein verwickelt?”
Das war ja nett, hier saß er und sah so unschuldig aus wie ein Kind, und hatte reine Hände, und dennoch sollte sich ein solcher Verdacht an ihn heften! Er räusperte sich mit Würde und sagte: „Willst du wohl das Maul halten?”
„Ich hab' ja nur gefragt. Es war nicht schlimm gemeint.”
„Du, nimm dein Maul in acht!” wiederholt er und steht auf.
Allerdings, Petra war sehr ergrimmt darüber, daß er ihre große Neuigkeit so gar nicht anschlug, ihre gewaltige Neuigkeit; aber da er seine Krücke in greifbarer Nähe hat, findet sie es geratener, zu gehen, als zu bleiben; sie wirft den Kopf in den Nacken und begibt sich mit ihrer Neuigkeit in die Stube zur Großmutter.
Oliver ißt sich satt und geht dann von Hause fort.
Da die ganze Stadt wegen der Ereignisse der letzten Stunden vollständig verstört ist, kommt im Lagerhaus kein Betrieb in Gang, und Oliver hat die beste Gelegenheit, seinen Gedanken nachzuhängen. Das war ein Glück, daß er in der Nacht nicht dazugekommen war, etwas zu offenbaren, eine Fügung Gottes, Petra hätte es wichtig gehabt, jedes Wort weiterzutragen, und hätte ihn in den Postraub mit hineinverwickelt. Und es hätte vielleicht wegen des Eiderdaunengeldes trotz seiner Unschuld gespukt. Jetzt hieß es vorsichtig sein, vorerst keine großen Ausgaben zu machen, keine allzuschönen Kleider anzuschaffen, gar keinen Putz, der hellrote Schlips im Schaufenster des Stickereigeschäfts durfte also nicht seinen Hals zieren.
Oliver überlegte sich alles ganz genau: einen Teil des geraubten Geldes hatte er in der Tasche, daran konnte er nicht zweifeln, aber er hatte es nicht geraubt, Gott war sein Zeuge. Schmied Carlsens Kinder konnten vielleicht einige Aufklärung in der Sache geben, wenn sie angezeigt wurden, aber Oliver hatte nicht im Sinn, sie anzuzeigen, das fehlte gerade noch! Alle Umstände sprachen dagegen, erstens schon der, daß Abel bei dem Schmied in der Lehre war und die Witwe dort dem Haushalt vorstand. Und war nicht der Schmied selbst sein Meister? Oliver hatte Vatergefühl genug, daß er seinen Sohn nicht ins Unglück stürzen wollte. Übrigens konnten die Schmiedskinder leicht auch unschuldig sein, wer konnte das sagen, vielleicht wußte der fremde zweite Steuermann am meisten von der Sache, und wer kannte den?
O, dieser zweite Steuermann und dieser Adolf mit der Schiffskiste waren vielleicht die schlimmsten Verbrecher! Hatten sie denn nicht auch Oliver gebeten, seine Frau mit auf den Engländer zu bringen, sie würden sie nicht fressen! Aber Oliver hatte glücklicherweise Petra nicht mitgenommen und sie, wer weiß was, ausgesetzt, er gehörte nicht zu denen, die ihre Frau zu einem andern mitnehmen. Und nun zeigte es sich, daß ihn sein Schicklichkeitsgefühl ganz richtig geleitet hatte, sie hätte in eine wahre Räuberhöhle geraten können. —
In der Stadt schwirrten die unglaublichsten Gerüchte durcheinander, die Zeitung brachte einen Artikel, der von einem Manne, dem das Wort zu Gebot stand, geschrieben sein mußte, der Polizei-Carlsen war an allen Ecken und Enden und untersuchte, denn aus dem Postmeister war keine richtige Aufklärung herauszubringen; er saß niedergeschlagen und völlig fassungslos da und starrte zu Boden. Zuerst gab er eine Art Beschreibung eines fremden Mannes, den er auf dem Flur des Postkontors gegen zwölf Uhr in der Nacht getroffen habe; der Mann sei alt gewesen, habe einen langen grauen Bart gehabt, vielleicht auch eine Maske getragen; er habe englisch gesprochen. Bei einem späteren Verhör änderte der Postmeister seine Aussage: Der Fremde sei vielleicht gar nicht alt gewesen, sondern im Gegenteil jung, er wäre nicht imstande gewesen, ihn zu überwältigen. Der Mann habe keinen Regenschirm gehabt. Kurzum, der Postmeister redete nur Unsinn und verwirrte alle. Er war blödsinnig geworden, vom Schlag getroffen, der Doktor war bei ihm und stellte eine Hirnblutung und geistigen Stumpfsinn fest. Herrgott, ein Mann, der vorher Türme und Häuser mit Säulen hatte zeichnen können!