Und in der Stadt schwirrten die Gerüchte umher. Es wäre Unrecht gewesen, zu behaupten, daß die Leute dem Polizei-Carlsen und den Behörden nicht mit Nachforschungen an die Hand gegangen wären, in den ersten Tagen ließen sie sogar so gut wie alles liegen und stehen und opferten sich dieser Sache völlig auf. Und in diesem großen Aufruhr ertrank eine andere Neuigkeit vollständig, die sonst wohl die allgemeine Aufmerksamkeit verdient hätte, die nämlich, daß Konsul C. A. Johnsen das Ritterkreuz des Dannebrogs bekommen hatte. Wer war von dieser Ehre ganz hingenommen, wer erwähnte sie? Ein Bericht von ein paar Zeilen in der Zeitung, ein zufälliger Glückwunsch von dem einen und andern Stadtkind, das gerade daran dachte. Frau Konsul Johnsen aber, ja, sie legte mehr Wert auf die Auszeichnung, und sie telegraphierte sowohl an Scheldrup, der jetzt in Neu-Orleans war, als an Fia, die sich in Paris befand.


24

In den großen Städten geht man von der Ansicht aus, es gebe in kleinen Städten aber auch ganz und gar nichts von großen Ereignissen. Das ist eine verfehlte und kränkende Ansicht, denn es gibt da wahrhaftig Bankerott, Betrug, Mord und Skandal gerade so gut wie in der großen Welt. Allerdings schickt die Zeitung des Ortes keine Extrablätter darüber aus; aber jede Neuigkeit verbreitet sich sicher und rasch von den Brunnen her und dringt bis in das engste Kämmerlein. War in der ganzen Küstenstadt wohl noch irgendein Mensch vorhanden, der in der Frühe des nächsten Morgens noch nichts von dem Postraub gewußt hätte? Höchstens konnten es vielleicht Grütze-Olsens sein, denn das waren Leute, die lange liegen blieben und häufig im Bett frühstückten.

Und so wenig den Kleinstädten die aufregenden Ereignisse fehlen, ebensowenig fehlt es ihnen an Abwechslung darin. Kleinstädter haben die nötige Abwechslung in den Ereignissen vollauf. Sollten sie vielleicht darauf angewiesen sein, mit einem Postraub zu leben und zu sterben? Dann hätte diese Neuigkeit nicht so rasch aufgehört, eine berühmte Sache zu sein. Der Doktor erhielt sie noch am längsten am Leben, denn sie ließ ihn gewissermaßen dem vernichteten Postmeister gegenüber als Sieger dastehen, aber es dauerte nicht lange, bis es den Leuten überdrüssig wurde, sie zu erörtern.

Was war das Ende davon? Es gab überhaupt kein Ende, es kam gar kein Zug in die Sache. Der alte oder junge Mann, der Englisch sprach und vielleicht eine Maske trug, aber jedenfalls keinen Regenschirm hatte, dieser wahrscheinliche Verbrecher war nicht zu finden. Es wurde an das englische Schiff telegraphiert, allein das hatte in Norwegen bereits geladen und war auf dem Weg nach irgendeinem heimatlichen Hafen. Auch dorthin wurde telegraphiert, und als das Schiff ankam, ward auch eine Art Verhör abgehalten, aber das führte zu nichts. Natürlich kam es an den Tag, daß Adolf Adolf war, ein Schmiedsohn, norwegischer Matrose; aber er war in England verheiratet und dort ansässig, so war er auf einer englischen Schute von der englischen Flagge vollständig geschützt. Außerdem war sein Kapitän ein frommer Mann.

Auch der zweite Steuermann entpuppte sich als Norweger, Sohn eines Postmeisters in einer näher bezeichneten kleinen Stadt, unverheiratet, mit ausgezeichneten Zeugnissen über vorzügliches Betragen, auf ihm ruhte kein Verdacht — der Vater hätte betreffendenfalls in dem Fremden auf dem Gange doch auch seinen Sohn erkennen müssen, was er ja aber nicht getan hatte. Außerdem war es bei ihm dieselbe Sache mit der englischen Flagge, und daß die englische Flagge keinen Tag, ja keinen Augenblick einen Verbrecher geschützt hätte, das wußte alle Welt. Der zweite Steuermann und Adolf waren also zurzeit im englischen Dienst bei einem frommen englischen Kapitän, und von Auslieferung konnte keine Rede sein.

Warum hatten diese zwei Männer nicht ihre Eltern besucht, wenn doch ihr Schiff in ihrer Heimatstadt gelöscht wurde? Ja seht, das war eine von den zarteren Fragen, die ihnen vorgelegt wurden, aber sie wußten auch darauf eine ganz befriedigende Antwort zu geben: sie wollten sich Vater, Mutter und Geschwistern nicht mit leeren Händen vorstellen, und es war ihnen noch nicht gelungen, etwas Ordentliches von ihrer Heuer zurückzulegen. Das war der Grund. Aber Gott sei sein Zeuge — gab der zweite Steuermann an — er sei manchen Abend an Land gewesen und habe sein Vaterhaus umkreist, habe zu den Fenstern hinaufgeschaut und gezittert, wenn er eine Tür habe gehen hören, und die Hände gefaltet, wenn der Schatten seiner Mutter auf die Vorhänge gefallen sei. Das war ergreifend, das Gericht selbst war gerührt, und das will etwas heißen, wenn ein Gericht gerührt ist.

Von dem Matrosen Adolf kam eine eigentümliche Sache an den Tag: Als er und seine Sachen untersucht wurden, stellte es sich heraus, daß er über den ganzen Körper mit liederlichen Zeichnungen tätowiert war. Die Zeichnungen waren auffallend unanständig, und auf die Frage, wo das gemacht worden sei, antwortete er: „In Japan.” Diese Zeichnungen schadeten Adolf in den Augen des Untersuchungsrichters ganz ungemein, konnten ihn aber nicht des Postraubes überführen. Der zweite Steuermann war ohne Tätowierung und ganz schön und rein am Körper, so daß er viel besser aus der Sache hervorging; ja, das kam beiden Verdächtigen zugute.