So verlief nun also die Sache mit dem Postraub im Sande, und der Dieb oder die Diebe hatten auch nicht so besonders viel in die Finger gekriegt: Sieben- bis achttausend Kronen in Wertsendungen. Wenn sich mehrere in diese Beute teilten, kam auf jeden nicht sehr viel, und man konnte sich versucht fühlen, zu sagen, es sei ihnen gegönnt!

Die Sache war nun nicht mehr sehr wichtig, der Polizei-Carlsen zeigte keinen großen Eifer in den Nachforschungen, was ihm auch gar nicht zu verdenken war, da sein Neffe und damit auch er selbst Ungelegenheiten davon gehabt hätten. Aber auch der Vorgesetzte des Polizei-Carlsens legte wenig Wert darauf, in dieser Sache bis aufs äußerste zu gehen; es wäre eine Dummheit gewesen, um einer Kleinigkeit willen mit England Händel anzufangen, und außerdem war es der allgemeine Wunsch der Stadt, den Schmied Carlsen zu schonen, der bessere Kinder verdient hätte, als ihm zuteil geworden waren.

Aber nun der Postmeister? Er hatte sich das Ereignis so zu Herzen genommen, daß er nicht mehr zu kennen war: eine gebeugte und gebrochene Gestalt mit irren Augen und einem beständig mummelnden Munde. Der ehrgeizige Mann konnte den Schaden und die Schande, die ihn in seinem Beruf getroffen hatten, nicht überwinden, über etwas anderes brauchte er sich ja nicht zu grämen, da sein Sohn nichts Böses getan hatte. Der Postmeister war der Gegenstand allgemeinen Mitleids. Er hatte ja wohl während seines ganzen Aufenthaltes in der Stadt vernünftige Leute mit seiner ewigen Frömmigkeit und seinem metaphysischen Geschwätz auf allen Straßen und Gassen zum Sterben gelangweilt, aber jetzt, wo ihn das Schicksal geschlagen hatte, erinnerte man sich mehr der Tugenden als der Laster dieser heimgesuchten Seele. Hatte nicht er die Zeichnung zu dem großen Schulhaus gemacht, zu diesem Säulenhaus, das die Reisenden schon von der See aus sahen und darum bis an ihr Lebensende nicht vergaßen? Jetzt saß er da mit umnachtetem Verstand und war weniger denn ein Kind.

„Er ist selig und verwirrt und tot,” sagte der Doktor. „Es ist mir schon in der letzten Zeit aufgefallen, er hatte so einen stechenden Blick, er war morsch geworden, und es brauchte nur noch eines kleinen Anstoßes, um ihn zu zerbrechen. Der Glaube hat ihn zu Fall gebracht.”

Im Gegensatz zu allen andern fiel es dem Doktor schwer, den Postraub zu vergessen, er ließ den Verdacht nicht fahren, das Geld sei auf dem englischen Schiff davongefahren. Was hätte den lokalkundigen zweiten Steuermann hindern sollen, sich in sein Vaterhaus zu schleichen und die Wertsendungen zu stehlen? „Nachkommen!” pflegte der Postmeister zu sagen. Ach, ein Nachkomme, der zu allem fähig war! Der Nachkomme Adolf war von derselben Sorte, die entsetzlichen Zeichnungen auf seinem Körper legten Zeugnis ab von seinem Charakter. Wahrhaftig, die beiden Väter konnten sich ihrer Nachkommen freuen!

Der Doktor konnte es wirklich nicht lassen, ein wenig zu frohlocken. Noch niemals hatte er die sandigen Gassen der Stadt mit geringerer Überwindung durchschritten als jetzt, und noch nie war ihm die Richtigkeit seiner Lebensanschauungen so klar bestätigt worden. Zu dem frommen und gläubigen Wrack, dem Postmeister, ging er sehr oft, betrachtete ihn eine Weile und verließ ihn dann wieder; er konnte keine Anzeichen feststellen, daß seinem Patienten Licht und Klarheit wiederkehrte, und schloß daraus auf dauernde Finsternis bei ihm. Waren es nicht die Menschengedanken, mit denen dieser Kindermund großzutun pflegte? Daß die Menschengedanken niemals aufhörten, daß die Menschengedanken ein Licht seien, das niemals erlösche? Nun, für ihn selbst waren sie jetzt jedenfalls erloschen und hatten nur einen schwarzen Docht zurückgelassen. Solche schwache Köpfe sollten sich nie darauf einlassen, auf eigene Faust nachzugrübeln, die sollten Kirchen und Schulhäuser zeichnen und ihrem Katechismus treu bleiben.

Der Doktor hatte ja gerade keinen Grund, sich zu überheben und närrisch zu freuen, er empfand aber auf seine Art eine gewisse Befriedigung. Sein Materialismus behielt recht, der Zufall, daß der Postmeister zum Blödsinnigen geworden war, stärkte die Stellung des Doktors unter den Menschen; es war ja, als ob er das Unglück richtig vorausgesagt hätte, niemand kam ihm gleich an Autorität, seine Behauptungen mußten zu Recht bestehen bleiben. Wenn er nun also vom Postmeister behauptete, daß der Glaube ihn zu Fall gebracht habe, so konnte ihn der eine und der andere fragen: „Der Glaube?” Dann erwiderte der Doktor: „Jawohl, der Aberglaube.” Und das mußte bestehen bleiben.

Aber eine richtige Herzensfreude hatte der Doktor jetzt so wenig als vorher, das Leben war und blieb ein Elend, eine Gemeinheit. Wenn er nicht von Zeit zu Zeit den Genuß gehabt hätte, einen Menschen zu ärgern, so wäre es nicht auszuhalten gewesen. Meint man zum Beispiel, er hätte sich etwas daraus gemacht, den Kaufmann zu wechseln? Er hatte ja seine vieljährige Verbindung mit Konsul Johnsen aufgegeben und war zu Konsul Davidsen übergegangen, und wohlgemerkt, das war nicht geschehen, um Davidsen zu schaden, sondern im Gegenteil, um seinem kleinen Kramladen aufzuhelfen. Und was wurde daraus? Es wurde weiter gar nicht anerkannt, auch Davidsen schickte eine Rechnung. Sie waren doch alle gleich, Davidsen war nur ein neuer Konsul. Und überdies war Konsul Davidsen nicht einmal ein Mann, mit dem sich der Doktor ordentlich unterhalten konnte, er gab ja keine Antwort, sondern staunte nur, die Schlafmütze, und fand sich lächelnd darein, ordentlich verhöhnt zu werden.

Da war der Doppelkonsul doch besser, obgleich auch er nur ein Kaufmann und Schiffsreeder war.

Man munkelte, es müsse köstlich zugegangen sein, als der Doktor kam und dem Doppelkonsul zum Dannebrog Glück wünschte. Er hatte zu diesem Besuch den Apotheker mitgenommen, und beide waren sehr untertänig gewesen. Sie waren durch den Laden ins Konsulat gegangen, was sonst nicht ihre Gewohnheit war, hatten durch einen von den Ladenschwengeln ihre Besuchskarten hineingeschickt, dann Hut, Stock und Galoschen abgelegt und sich Haar und Bart mit einem Taschenkamm zurechtgemacht. Beide Herren hatten Handschuhe an.