„Die Weisheit kommt ihm hinterher. Er merkt es zum Schluß doch noch.”

„Keine Spur. Nein, das war ein verunglückter Einfall von uns.”

Der Doktor geht zu Grütze-Olsens. Er geht oft zu ihnen, in der letzten Zeit beinahe jeden Tag, er hat dort etwas zu besorgen. Der Schwiegersohn des Hauses, der Kunstmaler, war mit Frau und Kind zu einem Sommerbesuch angekommen. Dem Kinde fehlte nichts, aber die junge Mutter war ängstlich wie alle jungen Mütter und verlangte einen Arzt.

Der Doktor hatte nichts dagegen, in Grütze-Olsens Haus zu kommen, er verdiente extra gut dabei und hatte angefangen, der Sache Geschmack abzugewinnen. Hier war nicht alles gar so vornehm und abgemessen, aber es war auch nichts zugemessen, alles war Breite und Überfluß, es war etwas protzig und verschwenderisch. Einzelne Damenhandschuhe trieben sich schon im Vorplatz herum, teuere Regenschirme standen mit geknicktem Stock da. In den Zimmern herrschte keine Unordnung, aber alles sprach von etwas zu viel Geld, die Bilderrahmen, die Teppiche, die Möbelbezüge. Die Vorhänge hingen bis auf den Boden herunter und breiteten sich da noch aus. Nein, hier herrschte keine Knauserei, aber die Art der Einrichtung lenkte die Gedanken unwillkürlich auf selfmade, auf neuerworbenes Geld.

„Ach was!” dachte wohl der Doktor und trank den teuern Wein und rauchte die guten Zigarren. Hier herrschte jedenfalls gute Gesinnung und Gastfreundschaft, und dazu der redlichste Wille, ihn anzuerkennen. Er hatte ein weiches Plätzchen in der Sofaecke, und alles hing an seinem Munde. Was tat's, wenn das Geld neuerworben war! Geld ist Geld, eine Million ist nicht schlimmer als ein Tausend. Und da saß der Doktor. Er war ja nicht der Mann, der sich imponieren ließ, aber er sah in dieser Umgebung doch etwas kahl aus, sein gestärktes Vorhemd knarrte etwas aufreizend auf seiner Brust, und die Manschetten mußte er mit den kleinen Fingern zurückhalten, sonst rutschten sie ihm vor auf die Knöchel.

„Nein, dem Kinde fehlt auch heute nichts,” sagt er. „Sie bekommt nur noch ein paar Zähne mehr, um ihrer schönen Mutter auch darin zu gleichen.”

Die junge Frau sagt mit tiefem Erröten: „Nun, das ist ja gut. Wir haben uns wieder so um sie gesorgt. Das komischste dabei aber ist, daß nicht ich am ängstlichsten gewesen bin.”

Konsul Olsen fragt: „Wer war denn am ängstlichsten?”

„Du, Vater! Das mußt du doch zugeben.”

Der Konsul entschuldigt sich: „Ich war nicht ängstlich, aber ich sah nicht ein, warum das Kind Schmerzen haben sollte, wenn doch zu helfen war. Sie ist nach mir genannt, Herr Doktor.”