„O, gib dir keine Mühe, dich fromm zu stellen und die Mundwinkel hängen zu lassen, Jörgen. Nein, du brauchst dir keine Mühe zu geben,” sagte Oliver in neu aufflammender Heftigkeit. „Mir geht es genau so, wie du sagst, da hast du also das deine, ich das meine zu tragen. Sieh' nun zum Beispiel, daß du nicht aufs Wasser hinauskannst, kommt es am Ende daher, weil du nun so vermöglich bist, daß du gar nicht mehr ertragen könntest. Ich sag' dir, unser Herrgott rechnet genau — es ist fast, als stehle er dir etwas, jawohl.”
Jörgen runzelte die Stirne und öffnete den Mund, wie wenn er antworten wollte, was auch ihm in diesem Augenblick Ähnlichkeit mit einem heftigen Menschen verlieh. Aber es blieb bei den Vorbereitungen, und er sagte kein Wort.
Oliver beruhigte sich und schlug wieder um: „Aber alles steht in seiner Hand, das weiß ich wohl. Und wenn wir versuchen, nach seinen Vorschriften zu wandeln, dann haben wir nichts dabei zu tun. Du willst also meine Pfeife nicht?”
„Du sollst sie nicht weggeben,” sagte Jörgen ausweichend. Aber als er des Krüppels flehende Miene sah, änderte er seinen Entschluß und sagte:
„Warum soll ich die teure Pfeife haben?”
„Du sollst sie haben!” erklärte Oliver. „Ich gönn' sie dir, ich hab' die ganze Zeit an dich gedacht. In vieler Beziehung kannst du mir auch wieder einen Gefallen tun, ich weiß, daß du es tun wirst.”
Das Haus Oliver hatte sich in der letzten Zeit auch mehrere Male an gefällige Nachbarn um Hilfe gewandt. Oliver selbst hatte sich zurückgehalten, aber die Mutter ging am Abend, wenn die Läden geschlossen waren, hin und entlehnte eine Tasse Kaffeebohnen oder einen tiefen Teller Roggenmehl „bis morgen”. Was konnte die alte Frau alles entlehnen; an einem Abend mußte sie bei Fischer Martin einen kleinen Dorsch entlehnen.
Sie hatte öfters Zwistigkeiten mit dem Sohne: „Aber was in aller Welt hast du denn mit dem Geld angefangen, das du vor dem Sturm verdient hast?” fragte sie.
„Das solltest du nur wissen!” entgegnete er.
Aber die Mutter war zäh, sie gab nicht nach, bis sie ihn eines Tages ordentlich gereizt hatte, da kam er und warf das Geld auf den Tisch; das einzige, was er sich von dem ganzen gerettet hatte, war ein blauer Schlips. Es war übrigens keine große Summe, o nein, es waren mühsam zusammengebrachte Sparpfennige von Fisch zu Fisch; aber viel oder wenig, es war Geld zu einem Anzug und einem Strohhut, nun mußte es springen. Natürlich hätte er es nicht ausgeliefert, wenn nicht Gott selbst mit seinem Unwetter dazwischen gekommen wäre und ihn mitten in seinem guten Vorsatz aufgehalten hätte; mochte das Ganze nun draufgehen! Er richtete sich keck auf und sagte zu seiner Mutter: „Laß mich jetzt eine Weile in Frieden!”