„Ich würde Ihnen natürlich noch viel wichtigere Dinge anvertrauen. Und was die Bilder betrifft, so wollen wir ihm nicht eins, sondern zwei abkaufen, das wollen wir. Ich reise jetzt wieder nach Christiania im Dienste meines Vaterlandes. Unsere Abrede soll inzwischen ruhen, wenn die Zeit gekommen ist, werden wir gleicher Meinung sein, das hoff' ich ...”

So hing es also zusammen mit der vorläufigen Abrede! Der Rechtsanwalt war beinahe allein dabei beteiligt. Seht, er hatte vor einigen Monaten diese Sache in Ordnung gebracht, und zwar zu seiner eigenen Zufriedenheit, aber heute war es ihm eingefallen, er wolle doch nicht so ganz allein sein mit dieser Abrede, er wolle auch den andern Teil dabei haben. Selbstverständlich würde Fräulein Olsen einschlagen, er mußte sie nur fragen, sie ein wenig ausforschen. Dann ging es, wie es ging, sie zierte sich ein wenig, aber das hatte nichts zu bedeuten, die Sache endete damit, daß sie versprach, die Bilder für ihre Wohnung zu kaufen.

Damit ging Rechtsanwalt Fredriksen an Bord.

Aber nun saß also Fräulein Olsen wieder einsam und allein in der Stadt und überlegte. Was hatte sie diesem Manne versprochen? Nichts! Nicht das allermindeste. Aber hatte sie ihn von der ersten Stunde an entschieden abgewiesen? Manche Frauen weisen keinen ab, keinen einzigen. Selbst der Unmöglichste läßt sich dazu gebrauchen, die Gedanken zu beschäftigen. Fräulein Olsen gehörte gewiß nicht zu den Berechnenden, den Abgefeimten, aber da war nun einmal dieser Mann, sie hatte ihn im Rückhalt, er war immer besser als gar keiner, sie wurde älter, die Schwester war verheiratet, weiß Gott, eine Zukunft war eine Zukunft, ein Staatsrat ist etwas Rechtes, wenn er wirklich Staatsrat wird. Man konnte immerhin daran denken! Aber berechnend? Sie steckte bis über die Ohren in Berechnungen, war aber doch ein natürliches Mädchen und wie alle andern, die Natur selbst lenkte ihre Politik. Sie hatte noch an nichts Mangel gelitten, sollte sie Mangel an einem Verehrer leiden? Von allem andern hatte sie vollauf, und hier hatte sie nun einen Staatsrat, wenn er es wurde! Daran war nichts Unverständliches, ein Huhn im Gartenbeet ist auch nichts Unverständliches.

Natürlich mußte Fräulein Olsen den Rechtsanwalt vermissen, wenn er abgereist war.

Vermißten ihn noch andere? Vielleicht das Haus Oliver? Das ist nicht wahrscheinlich. Oliver war wohl mehr als froh, als sein draufgängerischer Gläubiger die Stadt wieder verließ, und Petra mußte wohl das ewige Gerenne zu dem Rechtsanwalt satt haben. Endlich waren ihre Verhandlungen erledigt. Sie konnte doch unmöglich etwas übrig haben für diesen Mann, der sie so geplagt hatte, hier konnte sicherlich von Anhänglichkeit keine Rede sein, das fehlte auch gerade noch! Hörte man von einem Wunder und einer schonungslosen Liebe, war am Brunnen die Rede davon, daß beide in Flammen stünden, war das Wort „Kurzschluß” gefallen? Dem Rechtsanwalt gehörte das Dach über Petras Haupt, sie sprach mit diesem Manne, damit sie dieses Dach behalten durfte, das war alles. Gewiß, sie mußte öfter hingehen und über diese Sache mit ihm reden, auch Oliver, ihr Mann, konnte gelegentlich darüber murren, daß sie nie damit fertig wurde. Aber zog sie sich zu diesen Besuchen irgendwie auffallend oder aufreizend an, außer mit einem neuen Hemd unter dem Kleid? Nein, durchaus nicht, soviel Oliver wußte. Sie hatte ja nun einmal diese neuen Hemden bekommen und mochte sie wohl gerne tragen, Petra war eine verheiratete Frau, keines Mannes Annäherungsversuche würden Eindruck auf sie machen. Sie hatte vor vielen Jahren, als sie noch jung war, Scheldrup Johnsen für ein zärtliches Wort eine Backpfeife gegeben, was würde sie dann jetzt wohl tun, wo ihre Haare anfingen an den Schläfen grau zu werden und sie beinahe erwachsene Kinder hatte?

Oliver hatte also keinen Grund zum Mißtrauen. Er sagte: „Jetzt ist er also fort?”

„Ja,” antwortete Petra. „Und mir ist's recht, wenn er nie wiederkommt.”

„Wieso? Meinst du, er bleibe für immer weg?”

„Das weiß ich nicht. Mir wär's recht, wenn er nicht wiederkäme.”