Oliver sah seiner Frau an, daß es ihr ernst war mit dem, was sie sagte; sie machte eine Gebärde des Abscheus und spuckte zur Seite aus. Deutlicher konnte sie nicht reden, sie verabscheute den Rechtsanwalt.

„Ja, er ist kein Mann Gottes,” sagte er. „Aber die Rechtsanwälte! Sind die jemals anders gewesen!”

„Und das sag' ich dir,” beharrte Petra. „Das nächstemal kannst du selbst zu ihm gehen. Ich tu' keinen Schritt mehr.”

Hätte jemand deutlicher reden können! Oliver nahm das nicht übel auf, im Gegenteil; ja und das nächstemal werde er selbst zu Rechtsanwalt Fredriksen gehen, sagte er, nur ein einziges Mal, kurz und gut, sagte er und nickte dazu. Und er werde die Sache ein für allemal abmachen, er werde ihm sagen, wie er heiße, Oliver Andersen, und er werde eine Quittung verlangen für eine gewisse Summe Geldes, die er dem Blutsauger auf den Tisch werfen werde. Der Krüppel und Hasenfuß malte sich aus, wie er auftreten werde.

Übrigens war Oliver in der letzten Zeit wirklich etwas dreister geworden. Das Bewußtsein, daß er Geld in der Tasche hatte, hob den Mann, sein Charakter wurde fester. In den ersten Tagen nach dem Postraub fühlte er sich noch unsicher und bat Petra, ihm eine Innentasche in seine Weste zu nähen. Petra spottete über ihn und hielt es für Großtuerei. „Eine starke Tasche!” verlangte Oliver. „Jawohl, von Segeltuch!” sagte Petra. Da mußte sich Oliver an seine Mutter wenden, damit die Arbeit gemacht wurde.

Und jetzt, wo er seine Innentasche hatte und seine Geldscheine darin, fühlte sich Oliver geborgen; niemand würde auf den Gedanken kommen, einen Krüppel zu untersuchen, der nichts Böses getan hatte. Das Eiderdaunengeld war sein rechtmäßiges Eigentum.

Ärgerlich war es, daß dieses Geld nicht so recht ans Tageslicht kommen durfte. Es hätte Oliver Freude gemacht, in die Kaufläden der Stadt zu gehen und dies und jenes zu verlangen, und dann all sein Geld aus der Tasche zu ziehen und davon zu bezahlen; diese Freude blieb ihm versagt, das Geld mußte mit einer gewissen Lichtscheu ausgegeben werden. Ein Gutes war allerdings dabei, es bestand zum größten Teil in kleinen Scheinen, in vorsichtigen Zwischenräumen konnte Oliver einen solchen dem Pack entnehmen und ihn in Waren umsetzen. Auf diese Weise verschaffte er sich jeden Tag etwas Gutes zum Lutschen, außerdem ein wenig Putz, einen neuen Schlips um den Hals und einen steifen Kragen; den kleinen Mädchen hatte er Schuhe mit Schleifen auf dem Spann gekauft. Niemand faßte Verdacht gegen ihn wegen allzu großer Ausgaben; ein paar größere Geldscheine steckten ausgebreitet in seiner Innentasche.

So ging alles gut, Oliver hatte weiter keine Gelüste, er war leicht zufriedengestellt. Ein Freßsack war er nicht, wenn er auch etwas naschhaft war. Petra war das genaue Gegenteil, ein habsüchtiges und gieriges Weib. Gerade in dieser Zeit hatte Oliver seinen neuen und besseren Charakter recht nötig, er mußte Petra andauernd entschuldigen und ihr milde Ermahnungen angedeihen lassen. Der Teufel mochte sie verstehen, sie war sehr verdreht und querköpfig geworden, es war ihr wie angeflogen, jetzt war ihr weder Essen noch Trinken mehr recht, sie konnte dies und jenes nicht ertragen, der letzte Kaffee hatte geradezu verdorben geschmeckt. „Was für Kaffee bringst du auch nach Hause!” sagte sie. Sie hatte bei Davidsen ein Stück Schweizerkäse gesehen, und wenn sie jetzt noch Stubenmädchen bei Konsul Johnsens gewesen wäre, dann hätte sie solchen Käse bekommen! Übrigens hatte sie im Schaufenster bei Barbier Holte ein Stück Goldseife gesehen, was mußte die gut riechen!

Und Oliver, der die Innentasche voll Geld hatte, konnte antworten: „Sei doch nicht so begehrlich nach allem, was du siehst, Petra! Denk lieber daran, was wir verdienen, du und ich. Es geht uns doch recht gut, wenn schon einmal die Rede davon ist.”

Hier offenbarte sich nun Petras ungebärdige Verdrehtheit, und sie fing an, mit dem Manne zu zanken. Statt sich vor seiner Krücke zu fürchten, die in erreichbarer Nähe lag, verhöhnte sie nun diese und ihn selbst und sagte, sie lebe mit einer Krücke, spreche mit einer Krücke, liege im Bett bei einer Krücke und müsse sterben mit einer Krücke; das sei ein Leben! Und dabei spuckte sie wieder zur Seite aus, gerade als ob sie sich erbrechen müßte.