Oliver mit seinem kräftigen Oberkörper hätte den Tisch mit dem Beile spalten oder den Ofen einreißen oder sonst etwas als kleine Warnung vornehmen können, aber er tat etwas völlig Unerwartetes, er ging in die Stadt und kam zurück mit dem Käse und mit dem Stück Seife, bitte! Nein, so etwas! Petra war einen Augenblick wie gelähmt von dieser Unverständlichkeit, dann fing sie an zu weinen: sie wolle die Sachen nicht haben und besitzen! Wie er ein solcher Dummkopf sein könne, sich wegen dieser Narrheiten in Schulden zu stürzen! „Bring die Sachen sofort zurück!”

„Nein, jetzt hast du, was du haben wolltest,” sagte er.

Was sie haben wollte? Durfte sie jetzt nicht einmal mehr einen kleinen Spaß machen? Oder sollte sie zu allem hin auch noch ihr Leben lang stumm sein? Pfui!

Nun mußte es Oliver doch wirklich kränken, daß sie vor ihm ausspuckte wie vor dem Rechtsanwalt, aber er schwieg dazu. Ach, es geht eine große Veränderung vor mit einem Manne, der einen neuen Charakter bekommen hat. Oliver überredete seine Frau, den Käse doch wenigstens zu versuchen, nun ja, sie versuchte ihn und spuckte ihn wieder aus. „Was soll das heißen? Das ist ein anderer Käse, meinst du, du könnest mich anführen?” Petra wurde ganz blaß vor Erregung, sie war über die Maßen ungebärdig, die kleinen Mädchen bekamen heftige Schelte, nur weil sie gelächelt hatten. Als sie an der Seife roch, mußte sie sich die Nase zuhalten.

Es war unmöglich, ihr etwas recht zu machen.

Na ja, weder Oliver noch die kleinen Mädchen hatten etwas dagegen, die gekauften Leckerbissen für sich behalten zu dürfen.

So verging ein Tag nach dem andern, mit Gutem und Bösem, mit Reibereien, kleinen Tageserlebnissen, hie und da mit einem herrlichen Fischgericht, wenn Oliver einmal abends hinausruderte, zuweilen mit Backwaren zum Kaffee, wenn Oliver einen Schein hatte wechseln lassen. Es ging durchaus nicht armselig zu, die Familie hatte es erträglicher als die meisten kleinen Leute in der Stadt; wie viele hatten denn eine feste Stellung und eine Innentasche voll Geld?

Da war nun der unglückliche Postmeister mit seiner Familie, denen ging es viel schlechter. Der Doktor konnte bei dem schwer heimgesuchten Kranken immer noch keine Besserung feststellen; der Postmeister saß, wo man ihn hinsetzte, stumm und geknickt, wie abgestorben. Man konnte auch nicht annehmen, er sei stillvergnügt über irgend etwas, er kichere und lache in der Einsamkeit und schlage sich vor Lustigkeit auf den Schenkel. Weit entfernt! Es war nichts davon zu merken, daß er sich mit seiner alten Philosophie tröste, mit der Freude über seine Kinder, darüber, daß die Kinder soviel mehr wurden, als er war, darüber, daß sie gottlob schon jetzt an einem besseren Erdenleben für das nächste Mal arbeiteten. Der Postmeister schien gar nichts mehr zu denken, zu sinnen, zu glauben. Er hatte viele Jahre lang gesucht und endlich einen kleinen Pfad mit etwas Licht darauf gefunden, den war er gegangen — bis ganz weit draußen das schreckliche Schicksal furchtbar und hoch aufgerichtet vor ihm stand und ihn aufhielt. Die Wogen seiner Überlegungen hatten ihn verschlungen.

Seine Frau und seine Töchter waren tüchtige Menschen; die eine Tochter sollte jetzt eine Stelle in Konsul Johnsens Laden bekommen, der Sohn, der Landwirt war, steuerte bei, soviel er konnte, und die dürftige Pension reichte eigentlich weiter, als man erwartet hatte, aber so viele erwachsene Menschen konnten doch nicht davon leben. Es hätte schlimm ausgesehen, wenn nicht der Sohn in England, der tüchtige zweite Steuermann, eingetreten wäre. Als er von dem Postraub und dem Unglück seines Vaters hörte, trat er ein wie ein Mann. In einem herrlichen Briefe forderte er seine Eltern und Geschwister auf, in der Stunde der Prüfung ihr Vertrauen auf Gott zu setzen, er erzählte, daß auch er Unannehmlichkeiten von der Sache gehabt habe, er sei verdächtigt und verhört worden, aber natürlich sei nichts auf ihm sitzen geblieben. Er vergab der Welt, daß er verdächtigt und angezeigt worden war, gottlob, das Recht habe gesiegt, in England siege jederzeit das Recht. Zum Schluß äußerte er die Ansicht, daß darin eine Mahnung für die Stadt zur Umkehr und zum Nachdenken zu erkennen sei, ein so unerhörtes Ereignis gehe nicht nur ihn und seine Familie, sondern alle Leute an. Kurzum, er war fromm. Welch ein Sohn! Nicht mit einem Wort berührte er das Wichtigste, aber das Wichtigste war, daß er augenscheinlich jetzt mehr Geld hatte; ob er nun größere Heuer bezog oder in Englands Erde eine neue Kohlengrube entdeckt hatte, jedenfalls schickte er eine anständige Summe Geldes und versprach, noch mehr zu schicken. Das war Rettung, seine schöne Tat verschaffte der Mutter und den Schwestern ein unerwartetes Glück. Sie gingen zum Herrn des Hauses und erzählten ihm die Neuigkeit, sie hatten sich überlegt, daß sie ihn plötzlich damit überfallen wollten, um sein träges Hirn damit aufzurütteln, sie hofften, daß die Freude ihm mit einem Schlage den Verstand wiedergeben werde, bedenkt doch nur, wenn das geschähe! Aber es geschah nicht, sie wurden enttäuscht. Der Postmeister hörte ihnen zu, er schien sich sogar Mühe zu geben, zu verstehen, was sie ihm erzählten, wobei eines dem andern das Wort vom Munde wegnahm, aber er wurde nicht klüger davon. Es war gerade, als ob er die Neuigkeit schon gehört, oder als ob er sich das gedacht hätte, die einzige Veränderung in seinem Gesicht war, daß er noch etwas blasser wurde. Seine Frau brach in Tränen aus.

„Nein,” sagte der Doktor, „Ihr Sohn, der zweite Steuermann, kann Ihren Mann nicht kurieren.”