Die Frau Postmeister pflegte nicht viel zu reden, sie fühlte sich aber verletzt von des Doktors beständiger geschäftsmäßiger Sicherheit und fragte: „Warum nicht?”
„Ja, warum nicht!” erwiderte der Doktor. „Ich glaube viel eher, daß es der Herr Postmeister schließlich selbst satt bekommen, nur so in seinem Stuhle zu sitzen und seinen Nabel zu betrachten.”
Welche Sprache einer vom Unglück getroffenen Familie, ja Gott gegenüber! Aber das war ganz so geredet, wie es der Doktor im Brauch hatte, da war nichts zu machen.
Der Doktor geht nach Hause in sein Studierzimmer. Er saß in dieser Zeit dem Maler, darum trug er seinen abgetragenen Überzieher und die gestreiften Hosen, die er sich zu Fia Johnsens Konfirmation angeschafft hatte. Das war schon eine Ewigkeit her.
Er geht an Johnsens Doppelkonsulat vorbei, und da er stets ein wachsames Auge auf dieses Geschäft hat, sieht er bald, daß wieder ein neues Schild ausgehängt ist: „Modewaren, Blusen, gestrickte Sachen. Hüte werden garniert.” — Das Schild muß während der Nacht über die Tür gekommen sein.
Der Doktor bleibt stehen und liest das Schild ganz genau, und um nicht völlig mit sich selbst reden zu müssen, sagt er zu einem knicksenden Dienstmädchen, das vorbeigeht: „Unser Herr Ritter schwärmt für neue Schilder.”
Jawohl, Konsul Johnsen hat den Anbau des Ladens, wo jahrelang Öfen und ein paar Eggen standen, ausräumen lassen und einfach ein Modengeschäft daraus gemacht.
Der Doktor geht weiter und lächelt vor sich hin, er kommt an eine Haustür und trifft da den Maler, der auf ihn wartet. „Eine Entdeckung, junger Mann!” ruft er schon von weitem. „Ein Erlebnis!” Und dann fängt er an loszulegen.
Für gewöhnlich pflegte der Doktor mit dem Sohn eines Tünchers keine Zwiesprache zu halten, aber mit diesem jungen Mann war es eine andere Sache, es war ein Künstler und kein unbedeutender Mensch, allerdings jämmerlich unwissend in Bücherweisheit, aber mit soviel Verstand, zu schweigen, wenn die Gelehrsamkeit redete. Während der Sitzungen wurde die ganze Stadt durchgenommen, von dem unglücklichen Postmeister an bis zu Johnsens am Landungsplatz und Grütze-Olsens, von Davidsen und Heiberg bis zum Rechtsanwalt Fredriksen und Oliver, dem Krüppel — mit all der braunäugigen Brut im Hause. Der Maler erhielt viele unterhaltende Aufklärungen über die Verhältnisse in der Stadt; der Doktor war witzig und boshaft, ihm fehlte die Übung im Schießen durchaus nicht, allein es kam doch vor, daß er zu schnell sein wollte, daß seine Pfeile zitternd gerade vorbeifuhren. Auch ein Doktor kann manchmal daneben schießen.
„Junger Mann, Sie sind fremd hier,” konnte er sagen. „Die ganze Stadt ist ein Nest, ein Loch, aber ohne mich wäre sie ein Sumpf. Ich gebe den Leuten etwas zum Einnehmen.” So saßen die beiden im Studierzimmer des Kleinstadtdoktors, der Maler malte, und der Doktor ließ sein Mundwerk laufen. Es war weiter nicht viel Wissenschaftliches in dem Zimmer, obgleich der Maler das gewünscht hatte und das Bild „Der Arzt” heißen sollte. Der Doktor hatte einige Bücher hervorgekramt und einige Arzneikolben aufgestellt, ein Hörrohr stand auf dem Tisch und an der Wand hing eine Tafel mit Buchstaben, nach der für augenschwache Leute die Brillen ausgesucht wurden, in einer Ecke stand auch noch ein wenig Sublimat in einer Tasse, das war alles. Wo war der Operationstisch und die Wandbretter von Glas mit den tausenderlei Instrumenten? Zwei Rohrstühle standen in dem Zimmer. Hier war kein Mikroskop, kein Skelett, nicht einmal ein Schädel zum Beweis des festen Mutes eines Mediziners im Verkehr mit den Toten.