In diesem Rahmen wurde der Doktor gemalt. Es waren behagliche Sitzungen, nur hier und da einmal unterbrochen durch einen Mann mit einem geschwollenen Finger oder eine neuverheiratete Frau mit merkwürdigem Zahnweh. Der Doktor war ein prächtiges Modell, voll Leben, voll treffender Bemerkungen, Bitterkeit, Unglauben und Kampflust, sein Gesicht wechselte beständig und behielt nur als stehenden Ausdruck eine unerschütterlich überlegene Miene bei. Ach, wie verstand er es, dem jungen Mann einleuchtend zu machen, daß die Stadt ein Nest und ein Loch sei!
Nun stößt er also hier an seiner Haustür mit ihm zusammen und läßt sich nicht einmal soviel Zeit, erst einzutreten, ehe er mit seinem Erlebnis anfängt: „Junger Mann, es ist nicht nur der Rechtsanwalt Fredriksen, der Vorteil und Vaterland miteinander zu verbinden versteht.” Wie er Pfeile schoß, abwechselnd traf und daneben schoß! „Johnsen am Landungsplatz hat heute nacht ein Modengeschäft aufgemacht. Das ist übrigens wohl seines Geschäftsführers Berntsen Werk, der ist ein Mann mit großen Gaben, er verdiente mit den Öfen und den Eggen zu wenig, sie standen zu lang herum, nein, Modewaren müssen her! Na ja, das stimmt ja gut zusammen mit allem andern in diesem Geschäft, Johnsen am Landungsplatz verkauft den Haushaltungen ihren täglichen Bedarf, warum sollte er den Dienstmädchen nicht auch ihren Staat verkaufen? Modehandel! Wer soll diesem neuen Zweig vorstehen? Der schiffbrüchige Postmeister hat ja zwei Töchter, die älteste von ihnen soll dem vorstehen. Es ist ein Glück für Johnsen am Landungsplatz, daß der Postmeister ganz gebrochen ist und eine seiner Töchter in dienende Stellung gehen muß. Sie ist ein gewandtes, anständiges Mädchen, jetzt muß sie also aus ihrer Wohnung an der Werft drunten heraustreten und einen Modehandel leiten. Sie hat das nicht gelernt, allein das schadet nichts, es gehört nicht viel dazu, Johnsen bekommt sie billig, ja, es fällt sogar noch ein Schein von Wohltätigkeit auf ihn, weil er ihr Arbeit gibt. Junger Mann, die Stadt ist ein Loch —”
Die Mühle lief, der Maler kam nicht zu Wort; endlich sagte der Doktor: „Na ja, wir wollen hineingehen und malen.”
„Ich möchte heute gerne schwänzen,” sagt der Maler.
„So, schwänzen? Meinethalben gerne. Haben Sie etwas anderes vor?”
Der Maler erwidert: „Ich bin nicht recht aufgelegt.”
„So? Na, meinetwegen gerne. Guten Morgen!”
Aber der Doktor sah dem Maler nach, und dieses Nichtaufgelegtsein war ihm verdächtig, der junge Mann hatte ja wie sonst seinen Malkasten bei sich; ob der nicht doch wo anders hin wollte!
Ganz richtig, der Maler wollte wo anders hin. Frau Konsul Johnsen hatte ihn aufgefordert, ins Konsulat zu kommen, um auf dem Bilde, das er vor einigen Jahren von ihrem Manne gemalt habe, das Dannebrogkreuz hinzuzufügen. Ach, diese Konsuln und deren Frauen in den Küstenstädten! Na ja, sie hatte in dem Briefchen, das sie dem Maler schickte, die Sache erklärt; das Bild sei ja auch vorher schon sehr ähnlich, schrieb Frau Konsul Johnsen, aber Fia, die eben erst von Paris nach Hause gekommen sei, habe gemeint, noch ein paar farbige Striche würden dem Bilde entschieden zum Vorteil gereichen. Pasteur habe auch die Ehrenlegion auf seinem schwarzem Rock.