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Es wird Herbst, wird Winter, und die Tage sind sehr kurz. Gewissermaßen war es ganz behaglich, in der Schmiede zu stehen, ein Dach überm Kopf zu haben und glühendes Eisen zu hämmern, das von selbst leuchtete, auch gab es ordentlich zu essen und zu trinken im Hause des Schmieds, ja wahrlich, mancher andere hatte es schlimmer als Abel! Er selbst dachte auch, es gehe ihm gut. So zum Exempel, daß die Arbeit selbst ohne Fausthandschuhe und so ohne Mühe vollbracht werden konnte. Ein großes Schurzfell war Abels wichtigstes Kleidungsstück. Meister Carlsen war in den letzten Monaten sehr zusammengefallen, er sprach immer mutloser von seinen Kräften, machte Bemerkungen, daß er die Schmiede aufgeben wolle, murmelte über den Tod: daß der Tod eintrete oder bis zum nächsten Male vorübergehe, aber es müßten ja alle sterben. Der Herbst hatte ihm hart zugesetzt, hatte ihm das Haar gelichtet und es weiß gemacht, seine Gedanken waren kärglich und unweltlich geworden, er gönnte sich lange Ruhepausen, während Abel arbeitete. Natürlich hatte der Einbruch in der Post Eindruck auf ihn gemacht, sein Bruder, der Polizei-Carlsen, hatte es nicht lassen können, ihm von dem Verhör in England zu berichten und daß Adolf schweinische Malereien auf dem Körper trage. Der alte Schmied erwiderte: „Das ist nicht unser Adolf,” aber der Polizei-Carlsen fuhr fort: „Und denk' dir, die ganze lange Zeit über, während das Schiff gelöscht wurde, war er hier und hat dich nicht ein einziges Mal aufgesucht!” — „Doch,” antwortete der Schmied, „er hat gewiß die Schwester getroffen, als er hier war, es schwebt mir so vor. Die beiden Jungen besuchen ihre Schwester, warum sollen sie mich aufsuchen? Du darfst ihnen nicht unrecht tun!” — „Na, dann ist Adolf also hier gewesen?” fragt der Polizei-Carlsen. — „Nein,” antwortete der Schmied.
Lauter Unsinn. Es war kein Verstand darin. Der Schmied Carlsen nahm es übrigens anders auf als der Postmeister, er war ungelehrt und von einfachem Gemüt, er betrachtete alles mehr gewohnheitsmäßig, es war keine Hysterie in seinem Gedankengang, sondern Handwerk, er war Schmied, er gehörte seinem Stand an. Es ist gut, wenn man seinem Stand angehört, sonst wird man ein Emporkömmling, und die Ursprünglichkeit geht verloren. Und war der Schmied nicht der Vater? Er wußte viel mehr Schlechtes als Gutes von Adolf und verzweifelte nicht. Vor wenigen Jahren noch kroch ja der Junge hier in der Schmiede umher, stellte Fragen, hämmerte auf kleinen Eisenstücken herum und schlug sich dabei auf seine Fingerchen, weinte und wurde wieder getröstet, war es nicht so? Der Adolf in England mußte ein ganz anderer Adolf sein — und selbst der hatte sich wohl die Finger verbrannt, er war vielleicht sogar noch jung. „Die Menschen sind alle miteinander gut, ausgenommen die Halunken!” konnte der Schmied sagen. Jedenfalls aber hatte er es nun wohl aufgegeben, einen seiner Söhne als Nachfolger in der Schmiede zu sehen, wer aber sollte ihn dann ablösen?
Er sagte zu Abel: „In einem Jahr kannst du mehr, als ich konnte, da ich für mich selbst angefangen habe.”
Er meinte wohl etwas mit diesem Ausspruch, oder war es nur ein Lob und eine Anerkennung? Es hinterließ jedenfalls in Abels Herz einen langen goldenen Streifen, er dachte augenblicklich an Klein-Lydia und an die Zukunft. Der unglaubliche Junge! Er war, wenn man ihn so sah, kräftig und rechtschaffen, rußig, ohne Ziererei, übersprudelnd, mit den Jahren hatte er einen guten Brustkasten bekommen, und obgleich seine haarigen Hände ohne besondere Sorgfalt geschaffen zu sein schienen, saßen doch tüchtige Kräfte darin. Seine Schuhe hatte er in der Schmiede selbst ringsum beschlagen, und für den, der sich auf Schuhsohlen verstand, waren die Abels etwas ganz Besonderes.
Als er am Abend heimging, begegnete er seinem Vater, und da weihte er ihn gleich in die Sachlage ein. Oliver — obgleich er selbst seit mehreren Wochen über etwas, was daheim eingetroffen war, mit tiefen Überlegungen beschäftigt ist — gab nun gleich seine eigenen Gedanken auf und hörte dem Sohne aufmerksam zu. „Er muß denken, du sollst der sein, der die Schmiede übernimmt und ihr geradezu vorsteht!” sagte er.
„Soo,” sagt Abel.
„Ich halte es nicht für unmöglich. Was denkst du selbst?”
„Ich weiß es nicht.”