Jetzt sah er natürlich gleich, daß sie einen reizenden süßen Mund hatte, aber aus Höflichkeit und um nicht aufdringlich zu sein, wollte er sie doch nicht küssen, er wollte überhaupt nicht parteiisch und zu seinem eigenen Vorteil handeln. „Wir haben vorhin nicht so recht auf besonders gutem Fuß gestanden,” sagte er.
Doch, sie wisse nichts anderes. Wieso denn? „Aber laß die Finger von den weißen Bändern, Abel!”
Wenn sie abermals diesen Ton anschlug, nun, dann kam er wohl an diesem Abend auch nicht weiter, und wenn sie mit noch mehr Nadeln an der Brust als je vorher am Tisch saß, dann hatte sie sich wohl mit Absicht umgürtet. War es da zu verwundern, daß er böse und ärgerlich wurde, als sie ihn wegen der weißen Bänder ermahnte? „Ach, sei doch nicht so!” versetzte er. „Ich hab' auch schon früher Stoffe und Samt vom feinsten Gewebe in der Hand gehabt. Im übrigen haben allerdings meine Finger hier nichts zu schaffen,” fügte er hinzu und zog seine Hände zurück.
Selbst wenn sie keine größere Vorliebe für ihn hatte, so hätte sie jetzt doch gerührt sein müssen, die Tränen hätten ihr in die Augen treten müssen, und sie hätte die Arme um ihn schlagen sollen; aber nein, keine Zärtlichkeit!
Er hatte schon lange daran gedacht, sich ein Maß von ihrem Ringfinger zu verschaffen, es mußte aber ganz zufällig geschehen, denn er wollte das Maß zu einem gewissen Zweck; deshalb hatte er vorhin mit einem Stückchen Leinenband gespielt. „Du hast so dünne Fingerchen,” sagte er, „dein Ringfinger ist wohl nicht dicker als so? Laß mich einmal sehen!”
Wenn er meinte, sie hätte keine erwachsenen Finger, sondern nur Kinderfinger, dann war das eine Beleidigung: „Nein, laß mich!” sagte sie. „Ich hab' keine Zeit!”
Würde das nun ein Überfall sein, wenn er sie für diese Wichtigtuerei ganz einfach küßte? Sie sah allerdings so abweisend aus, als ob ihr dadurch ein Leid geschähe, aber er fuhr doch auf und tat es; küßte sie trotz aller Nadeln, küßte sie eine ganze Weile ab. Und sie ließ es geschehen, stöhnte zwar dazwischen: „Du bist verrückt! Laß sein! Was willst du denn?” aber sie ließ es geschehen. O, Klein-Lydia und er hatten das schon früher getan, es war nicht zum erstenmal.
Jetzt nachher war es eigentlich unangenehm, er versuchte allerdings, es fortzulachen und darüber wegzugehen, aber ein wenig mißglückt war es doch. Sie strich sich hastig das Haar glatt und zog ihren Halskragen gerade, der schief gezogen worden war; nachher wurde sie stumm, und es schien, als sei es ein reiner Vorwand, daß sie wieder nach ihrem Nähzeug griff. Ja, ja, er hatte ihr offenbar ein ernstliches Leid zugefügt, sie war tiefgekränkt, sie schien sowohl diese letzten Küsse, als auch alle die vorigen als verschleudert zu bereuen.
Da saß nun Klein-Lydia, von Stoffen, Spitzen, Nähseide, Knöpfen und Bändern umgeben, sie hatte auch die feinen Handarbeiten der Schwestern herausgelegt, um damit zu prahlen, sie selbst nähte ja meist Futtersachen. Es hatte also auf Abel keine Wirkung ausgeübt, daß sie diese Vorbereitungen getroffen hatte, er hatte gar kein Verständnis dafür, was ein Nähfräulein war.
„Ich will durchaus nicht, daß du mich je wieder küßt!” sagte sie plötzlich.