Ach, Jörgen war über siebzig Jahre alt, mit Lydia, dem Reibeisen, verheiratet, Vater von drei großen Töchtern, großen Damen, seine Augen waren fast farblos geworden, er wußte nichts — er erinnerte sich an nichts. „Wieso toll?” fragte er und sprach sich dahin aus, daß auch manches Frauenzimmer toll und böse sein könne.

Aber Oliver schien es darum zu tun zu sein, gründlich verstanden zu werden. „Nimm nun zum Beispiel die Maren Salt,” sagte er. „Man beschuldigt ja mich, der Vater ihres Kindes zu sein, und der Junge hat braune Augen.”

„Ach so,” sagte Fischer Jörgen.

„Oder nimm viele andere in der Stadt, es gibt genug braune Augen da, und ich kriege ja auch fast keine andern. Nun darfst du aber ja nicht alles glauben, was die Leute mir in die Schuhe schieben, Jörgen, ich bitte dich darum, aber ich will mich auch nicht entschuldigen, denn ich hab' eine feurige, unbändige Natur in mir, und es gibt daheim blaue und braune Augen, je nachdem es trifft.”

„Ja,” sagte Jörgen.

Auf diese Weise steigt Oliver täglich höher hinauf, und nimmt immer mehr eine feste Stellung in seiner Scheinwelt ein. Schweigt nur! Er ist der Schöpfer und Erhalter, er geht dahin mit seinem eigenen Maßstab und macht diese Welt weit, nach ein paar Jahren steht er auf einem Hügel und schaut über ein großes Land hin, das ihm gehört.

Und jetzt gefällt es ihm wohl, das Leben in dieser seiner Welt! Er schlägt kein Gelächter auf und läßt sie fahren. Mit der Welt, die man geschaffen hat, muß man fertig werden, das müssen alle Schöpfer.

Ab und zu mußte er sich mit allerlei Ärger herumschlagen. Es konnte ihn die Lust ankommen, am Abend noch auf der Straße herumzuschlendern, ein wenig mit den Frauenzimmern zu schäkern, sich mit ihnen unterhalten zu wollen. Er kannte die Worte und die Umgangsart von seiner Matrosenzeit her, aber er hatte nicht mehr das alte Glück, es versagte; ob es nun daherkam, weil er nicht mehr die alte Schießfertigkeit hatte, oder weil er nicht das rechte Wild antraf. Was war denn los, warum lachten ihn denn die dummen Gören aus? Die Pflänzchen, diese Kiek-in-die-Welt, wollten sie nicht recht an seine reellen Absichten glauben? Warum, beim Satan, fuhren sie zurück, wenn er nach ihnen greifen wollte? O, es hatte seine Nachteile, eine Welt regieren zu müssen!

In der letzten Zeit war er wieder auf den Fischfang hinausgerudert. Jawohl, das war eine gute alte Aushilfe, wenn die Heimsuchungen überhandnahmen, Gott wußte allein, wie schwer es war, sich wieder im Leben zurechtzufinden. Es hieß, er fische, um einen kleinen Nebenverdienst zu haben, aber er war offenbar nicht so recht ernstlich auf den Fischfang aus, denn er kam sehr oft ohne Fische heim. Aber brauchte er etwa nicht Kleingeld? War die merkwürdige innere Tasche seiner Weste am Ende nicht unerschöpflich? O, er sah mit Sorge, wie die Tasche allmählich leer wurde, er hätte gern eine Anleihe gemacht, ja, er hätte stehlen mögen, um dem Schwinden des Geldes Einhalt zu tun, es ist nicht gut, wenn man zusehen muß, wie man verarmt. Er hatte ja seinen alten Platz im Lagerhaus und seinen Gehalt, jawohl, das tägliche Leben konnte er bestreiten, aber die Zubuße von Putz und Schleckereien, an die er sich gewöhnt hatte, dazu hatte er nichts mehr. Wo war eigentlich das Geld für die Eiderdaunen geblieben? Es war doch eine ganz erkleckliche Summe gewesen, und der Kuckuck mochte verstehen, wo sie hingekommen war. Er hatte weder dem Rechtsanwalt Fredriksen etwas am Haus abbezahlt, noch sich und seine Familie auf zwei Jahre mit Kleidern ausgesteuert; mit ein paar größeren Geldscheinen war er in den nächsten Ort gefahren und hatte sie dort wechseln lassen, aber das war nun schon ein Jahr her. Seine Innentasche war leer. Er konnte noch so eifrig hineingucken und sie umdrehen, sie war und blieb leer.

Mußte er da nicht auf den Fischfang hinausrudern? An und für sich hatte Oliver nichts dagegen, wieder in einem Boote zu schaukeln. Er versah sich mit einem Kochtopf und Fischgerätschaften, ruderte hinaus und blieb meist vom Samstagabend bis Montag früh fort. Vor allem fischte er für den eigenen Bedarf, in diesen eineinhalb Tagen. Das waren faule, sorglose Stunden, er ließ sich mehr treiben, als er ruderte, fuhr in die Buchten hinein und suchte die Inseln heim; natürlich sammelte er auch wieder Eiderdaunen, natürlich spähte er nach Strandgut und Treibholz aus. Einmal fand er ein leeres Fäßchen und ein anderes Mal eine Flasche mit einem Zettel darin, alles ohne wirklichen Wert. Weit draußen, wo die Dampfschiffe in die Bucht hereinfuhren, ragte ein Vogelberg ganz gerade aus dem Wasser auf, da war er seit zwei Jahren nicht gewesen; es war weit bis dahin, aber es konnte sich schon die Mühe lohnen, dort einen Besuch abzustatten, die Vögel nisteten da auf den terrassenförmigen Absätzen der Bergwand und waren sehr wenig scheu.