Sie habe die unglücklichen Hemden vertragen. Und sie brauche auch eine Bluse, eine von denen, die vorne aufgemacht werden. Und außerdem noch andere Kleidungsstücke.
Wenn nichts anderes im Wege stehe, meinte Oliver, so könnte er sicher einige Kleidungsstücke auf Vorschuß bekommen. Er flammte wieder auf, setzte die Mütze schief auf den Kopf, als habe er mächtige Gönner, und redete als Familienversorger: „Gleich jetzt geh' ich in das Modegeschäft und hol' die Kleidungsstücke für dich.”
Bei einer solchen Gelegenheit mußte er ja tun, was nur immer in seinen Kräften stand.
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Der Rechtsanwalt Fredriksen dachte indes jetzt wohl am allerwenigsten daran, Oliver und sein Haus zu beunruhigen, er hatte ganz andere Dinge zu erledigen. In diesen Tagen wurde der Stadt eine schwere Prüfung auferlegt, eine so unerhörte Erschütterung beigebracht, daß es war, als ob die Welt stille stünde. Was war seinerzeit der Postraub dagegen gewesen? Das Dampfschiff Fia war untergegangen! Was bedeuteten alle möglichen anderen Dinge, wenn das Dampfschiff Fia nicht versichert gewesen war und nun vielleicht den Doppelkonsul Johnsen in Ruin und Untergang mit hineinzog?
Nichts anderes bedeutete mehr etwas.
Auch früher schon waren mehrere ernste Ereignisse in der Stadt zu verzeichnen gewesen: der alte Schulvorsteher war nun tot, der die vielen Sprachen der ganzen Welt kannte und die letzte Generation in den Grammatiken und den notwendigen Kenntnissen unterrichtet hatte, er war jetzt tot und seine Gelehrsamkeit mit ihm begraben. Eine andere Sache war auch am Brunnen tüchtig besprochen worden: die Frau des Doktors jammerte nun schon seit zwei Monaten darüber, daß sie guter Hoffnung war; es war das erstemal bei ihr, ach du lieber Gott, wie sie es verabscheute, wie sie sich davor fürchtete und wie schlecht ihr war — für dieses Unglück gab es keine Hilfe, und war es nicht auch ganz gerecht? — Da, eines schönen Tages war die Frau Doktor plötzlich nicht mehr guter Hoffnung. „Was?” schrien die Weiber am Brunnen; sie pumpten kein Wasser mehr und gingen auch nicht mit ihren Eimern fort, sondern blieben unentwegt da. Hatte die Person sich über ihr Inneres getäuscht und war sie gar nicht —? Unsinn! Weit entfernt! Aber so ungleich verteilte es unser Herrgott bei den Frauen, manche mußten Jahr um Jahr Mutter werden, andere waren fürs ganze Leben davon befreit. So war es, wenn man einen Doktor zum Mann hatte, er hatte die Gelehrsamkeit, er konnte tun, was er wollte, das war keine Kunst —
Es fehlte also nicht an aufregenden Ereignissen.