Aber dann rollte eines Morgens der Donner über den Brunnen hin; das war die Nachricht von dem Untergang der Fia. Diese Nachricht kam von Scheldrup Johnsen in Neu-Orleans, das Telegramm war drei Tage alt, es meldete kurz und gut, nannte Ort und Zeit und ging davon aus, daß die Versicherung in Ordnung sei. Aber die Versicherung war nicht in Ordnung. Und da schlug der Blitz am Brunnen ein.

In der kleinen Küstenstadt, die von nichts als von ihren Schiffen lebte, verstand jedes Weib, was eine solche Versicherung zu bedeuten hatte, sollte da der Doppelkonsul es nicht gewußt haben? Waren es nicht gerade die großen Sachen, die der Konsul selbst unter den Händen hatte, Berntsen dagegen lag es ob, dem Kramladen und dem Modehandel vorzustehen. Es kam zu einem Zusammenstoß zwischen dem Konsul und seinem Geschäftsführer; der Konsul meinte, er habe Berntsen den Auftrag gegeben, die Versicherung zu erneuern, und Berntsen hatte auch ganz richtig die Versicherung damals, wo es ihm aufgetragen worden war, erneuert, aber nachher nicht mehr. — Aber der Konsul habe doch ein für allemal den Auftrag gegeben. — Nein, erwiderte Berntsen, so habe er es nicht verstanden. — Der Konsul raufte sein Haar und behauptete, doch, er habe es ausdrücklich für immer, fürs ganze Leben gemeint. Berntsen hätte das außerdem selbst verstehen müssen, ob er denn nicht gesehen habe, was alles auf dem Pult des Konsuls herumlag, alles müsse er selbst besorgen, die ungeheuere tägliche Post, die Berichte an seine Regierungen, die Bücher, eine Welt, ein Chaos — wie, wenn nun Berntsen das von selbst verstanden hätte! — Es zeigte sich auch, daß Berntsen wirklich tüchtig eingegriffen hatte, sonst hätte es noch schlimmer auf des Konsuls Pult ausgesehen. — Ja, aber der Konsul habe die Versicherungspapiere zur Erledigung herausgelegt. — Berntsen hatte die Papiere auch da liegen sehen, und nachdem er sie drei Wochen vor Augen gehabt hatte, verschwanden sie. — Jawohl, der Konsul hatte sie schließlich als erledigt weggelegt. Berntsen hatte kein Wort davon gehört, daß er sie fortschicken solle. — Doch, beim Satan, der Konsul hatte vor langer Zeit einmal gesagt, er müsse die Prämie abschicken: „Vergessen Sie die Versicherung nicht!” hatte er befohlen. O, jetzt mochte Gott ihm gnädig sein!

Frau Johnsen wankte ins Kontor herunter und weinte, rang die Hände, wischte sich Nase und Augen, schluchzte laut, bebte und redete wie im Fieber. Das war nicht gut für die Frau Konsul, sie war wohl auch leberkrank, denn sie war gar so gelb im Gesicht. Die Tochter kam auch, Fräulein Fia, sie nahm es ganz anders auf und legte nicht noch Steine auf die schwere Last. Das nütze nun alles nichts, sagte sie, Prüfungen müsse man ertragen. Sie müßten jetzt zeigen, daß sie Kultur hätten, sagte sie, die Komtesse; was an ihr liege, so wolle sie noch fleißiger arbeiten, sie habe ihre Kunst und ihren Beruf; die zwei Bilder, die sie im Louvre kopiert habe, müßten nun eben springen, sie wolle sie sofort zur Versteigerung schicken. „Hab' keine Angst, Papa!”

Der Konsul hörte nicht und sah nicht.

Dafür war ein anderer Mann in der Stadt, der sowohl hörte als sah, der Rechtsanwalt Fredriksen. O, ein kluger Mann, ein glücklicher Gewinner, also ein ganz verflixt guter Rechner. Da kam er nun endlich wieder, nachdem er fast das ganze Jahr hindurch im Landtag und in seiner Kommission gesessen, und jetzt hatte er ein viel besseres Aussehen als vorher, er sah nicht mehr so gefräßig aus, Gott weiß, ob er nicht Gesichtsmassage gebraucht hatte! Woher sonst konnte diese fast seelenvolle Freundlichkeit kommen? Allerdings hatte das auch seine Wirkung nicht verfehlt, daß er während seiner Abwesenheit zum Wortführer in seiner Stadt gewählt worden war; aber das würde einen Rechtsanwalt doch nicht dazu bringen, die abgelegenen Winkel der Sorge und Armut aufzusuchen und dort eine halbe Stunde trostspendend zu verweilen! Er ging zu der Tochter des Schulvorstehers, die ihren Vater verloren, und zu dem alten Postmeister, der seinen Verstand verloren hatte, und überall war er sehr teilnehmend gewesen. So war er jetzt. Schon als er vom Schiff an Land stieg, hatte ja der abscheuliche Olaus vom Wiesenrain ihn geduzt und ihn nur Fredriksen angeredet; aber darüber hatte dieser nur ein wenig gelächelt und gesagt: „Trag' meinen Koffer hinauf, Olaus!” — Olaus erwiderte: „Trag' du deinen Koffer selber!”

Ehe er sich nun aufs neue auf seine beschwerlichen öffentlichen Obliegenheiten warf und die Stadt zur ersten Versammlung zusammenrief, gönnte er sich noch ein paar freie Tage und wanderte in einem hellen Anzug und einem großen Hut umher; er hatte sich einen Stock gekauft, und seine Stiefel waren heil, er rauchte auch immerfort Zigaretten, ja, er war ein ganz anderer geworden. Warum wanderte er soviel umher, warum mußte der schwere Mann auch noch den Aussichtspunkt ersteigen? Das sah gesucht aus, ausgesucht einsam, nicht nur nach unerwiderter Liebe und tieferen Gefühlen. Wenn er an Konsul Johnsens Garten mit den Zementtürmen, dem Duft des spanischen Flieders und gaukelnden Schmetterlingen vorüberging, grüßte er Frau Johnsen, gegen die er nichts hatte, mit seinem großen Hut, er grüßte auch das Fräulein, ja selbst den Konsul, wenn dieser auf der Veranda saß. Wohl war er Vorsteher einer Kommission gegen den Konsul, aber Haus und Familie mußten außerhalb gehalten werden.

„Glücklich von Paris zurück!” rief er mit Donnerstimme über das Staket weg Fräulein Fia zu.

Es sei jetzt übrigens schon sehr lange her, seit sie von Paris zu Hause sei, dachte Fräulein Fia wohl, und sie hätte auch gut ihn selbst mit „Glücklich zurück vom Landtag!” begrüßen können, aber sie dankte nur mit einem nachlässigen Kopfnicken. Wer verstand diesen Menschen!

Er legt seine runden Arme auf das Staket und geht nicht gleich weiter, sondern sagt: „Sie finden es wohl daheim wieder sehr schön?”

„Ja.”