„Guten Abend!” grüßte er und ging weiter.
Nach einer guten Weile schaute der Konsul auf und lüftete nun auch den Hut, aber da sah er nur noch des Rechtsanwalts Rücken und seine Hautwulst im Nacken unterhalb des Huts. So ein Übermut! Und dieses Zeitungslesen! Der Konsul warf das Blatt weg und stand langsam auf, er gähnte laut und sagte: „Na, jetzt geh' ich hinein und lege mich zu Bett.”
„Ja, gute Nacht!” sagten die Damen.
Alles atmete Frieden und durchaus keine Gefahr. Aber am nächsten Tag, ja, da schlug der Blitz ein.
Rechtsanwalt Fredriksen hörte es zuerst in der Barbierstube, nachher traf er mit dem Apotheker zusammen, der es bestätigte. Der Rechtsanwalt hatte eigentlich gedacht, sich recht schön rasieren zu lassen und sogar noch ein paar Tage lang an Konsul Johnsens Garten vorbei nach dem Aussichtspunkt zu spazieren; aber bei der Nachricht von dem Untergang des Dampfschiffs Fia änderte er entschlossen seine Absicht und nahm den Weg nach dem Hause Olsen. Sein Gang zeigte keine Unsicherheit, nichts Geheimnisvolles, er hatte etwas ausgerechnet und es richtig gerechnet, natürlich ging er nun zum Grütze-Olsen, wohin hätte er sonst gehen sollen? O, in seinem Gang lag Selbstgefühl!
Er war erwartet; Fräulein Olsen errötete, als sie seine Stimme hörte. Sie wußte, er war schon vor zwei Tagen zurückgekommen, aber in diesen zwei Tagen hatte er sich noch nicht blicken lassen.
„Nun ja, man hat mich zum Wortführer ernannt, während ich fort war,” erklärte er, „und da mußte ich mich erst in diese neuen Sachen einarbeiten. O, ich hab' geschuftet! Und am Abend war ich dann so müde, daß ich ganz einsame Spaziergänge machen mußte, um mich zu erholen. Sonst würde ich mir schon erlaubt haben, Sie zu begrüßen, Fräulein Olsen.”
„Meine Eltern hatten mir gesagt, daß Sie zurückgekehrt seien,” sagte Fräulein Olsen.
Weiter ging sie nicht, o nein; aber wenn er ihr in diesem Augenblick zu verstehen gegeben hätte, daß sie jetzt seiner rasenden Liebe nicht mehr ausweichen könne, dann wäre sie wohl schwankend geworden. Es waren nun mehr als zwei Jahre verflossen, seit sie sich zum letzten Male gesprochen hatten, sie war indessen noch älter geworden, ein paar Briefe in der Zwischenzeit hatten eine hinsterbende Erinnerung nur gerade am Leben erhalten. Mit dem andern Maler, dem Tünchersohn, wurde es nichts, der war nur ein Künstler und Bruder Leichtfuß; o, er war beständig in die eine oder andere verliebt, daran fehlte es durchaus nicht, aber er hatte keine Beständigkeit. Schließlich ging er hinunter an den Landungsplatz und malte den Olaus vom Wiesenrain. Das schickte sich nicht, nachdem er Konsul Olsens gemalt hatte; wahrhaftig, Konsul Olsens bildeten sich nichts darauf ein, aber sie würden in der Leute Mund kommen. Und im übrigen — einen Maler heiraten, das war so eine Sache, ihre Schwester hatte es erfahren, sie hatte es nicht so ergötzlich, sie redeten sogar von Scheidung — die neueste Mode im Lande. Sie hatte jetzt zwei Kinder und war überdies in den ersten Jahren verschiedentlich zu sehr langem Aufenthalt bei den Eltern gewesen, um die Ausgaben für den Haushalt zu vermindern, und wenn sie wieder abreiste, bekam sie eine Menge Geld und vollgepackte Kisten mit. Im letzten Jahr hatte sich dieses Verhältnis allerdings geändert, der Maler hatte einen größeren Namen bekommen, er stellte in Berlin aus und verkaufte seine Bilder zu höheren Preisen. Die Folge davon war, daß jetzt er, der Maler, auf eine Scheidung anspielte, jetzt konnte er auf eigenen Füßen stehen. Das war sehr traurig und sehr dumm, und bis jetzt war ja die Katastrophe abgewehrt worden, aber es war jedenfalls eine unglückliche Ehe daraus geworden. O, diese Künstlerverbindungen, sie waren nicht immer dauerhaft!
Aber wie stand es mit dem Bureauvorsteher beim Hardesvogt? Abgereist. Er war ein Jahr da, dann kam er in das Revisionsdepartement, niemand vermißte ihn, niemand bedauerte seinen Fortgang. Sein Nachfolger war wieder ein juristischer Kandidat, aber es zeigte sich, daß er sowohl Braut als Verlobungsring hatte — was wollte der hier in der Stadt, und was hätte Fräulein Olsen mit ihm anfangen können? Als er Besuch machte, ging sie zwar nicht aus dem Hause, nein, das tat sie nicht, aber sie blieb ganz einfach auf ihrem Zimmer, warum hätte sie hinuntergehen sollen. Später sah sie ihn in der Stadt, er sah aus wie ein Flüchtling, mit abgetragenen Beinkleidern, sehr nachdenklich und niedergedrückt, aber mit Braut und Verlobungsring. Einen solchen Mann mußte man in Frieden lassen.