„Gewiß, gewiß, Mama. Hab' keine Angst! Siehst du, die Künstler haben gar nicht soviel auszusetzen gehabt. Sie meinten nur, ich hätte keine innere Glut, das ist alles. Aber das werde ich ihnen schon beweisen, verlaß dich darauf. O, sie sollen es sehen!”

Und sie sprach noch weiter über diesen Punkt.

Das gute Fräulein Fia! Sie war nun nicht mehr ganz jung. Ihre Gesichtsfarbe, die einst wie Pfirsichblüten schimmerte, war nicht mehr frisch, sie war überreif, die junge Dame hatte allmählich etwas Verblühtes bekommen. Sie hatte alle ihre Jahre dahingelebt ohne eigentlichen Erfolg, aber auch ohne Mißerfolg, nichts war imstande gewesen, ihren Sinn zu ändern, sie war unzugänglich und entzückend selbstbewußt. Daß sie nicht auf Abwege geraten war, kam nur daher, daß sie sich überhaupt nicht auf unbekannte Wege einließ. Warum sollte sie solche aufsuchen? Sie war ja so sittsam und beschränkt. Ihre Liebe und ihr Mutterberuf fanden ihre Betätigung im Bildermalen, die ganze Zeit über hatte es nicht an den Mitteln gefehlt, sich dieser Beschäftigung hinzugeben; sie malte weder aus innerer noch äußerer Notwendigkeit, aber sie malte. Niemand hatte jemals gesehen, daß sie über sich selbst unglücklich gewesen wäre; sie machte keine Fehler, tat niemand etwas zu leide, war nicht verschwenderisch, drückte sich im Gespräch mit andern gut aus, verneigte sich hübsch. Eines Tages hätte sie gut den Himmel über sich und die Erde unter sich fragen können: „Bin ich jemand? Bin ich etwas?” O ja, das hätte sie gut fragen können.

Fräulein Fia — vielleicht konnte sie das Gewicht ihrer eigenen Vorzüge nicht ertragen, vielleicht waren sie eine Bürde auf ihrem Wege. Es ist nicht gut, wenn der Mensch ganz ohne Drangsale und ganz ohne Reue über sich selbst ist.

„Ich ein kalter Mensch?” sagte sie und stand vom Bett ihrer Mutter auf. „Und dann soll ich nicht über die Stränge schlagen können?”

Mutter und Tochter waren nun beide in guter Laune und konnten scherzen. Die Mutter setzte sich im Bett auf und lächelte bisweilen, beide hatten dasselbe Temperament und waren gleich herzlich gern bereit, trübe Erinnerungen der Vergessenheit anheimzugeben.

Fia mimte jetzt ausgelassene Laune; hoho, sie stieß nach hinten ein wenig mit dem Fuß aus, wie wenn sie so recht unternehmend aufgelegt wäre, o, gar nicht so wenig, und sie stieß auch mit dem Ellbogen akkurat, wie wenn sie jemand neben sich, in den sie verliebt wäre, ein wenig in die Seite stieße. Es war gar nicht schlecht nachgemacht. Sie hob ihre Röcke mit den Fingern auf, so daß ihre weißen Höschen gut sichtbar wurden; sie waren fein und tadellos, voller Spitzen und Schleifen, geradezu paradiesisch, nun kamen sie ans Tageslicht, und Fia teilte mit dem linken Bein einen ordentlichen Fußtritt aus. Dabei sah sie wirklich äußerst hoffnungsvoll aus, als ob sie mit der Zeit die Künstler recht wohl mit Ausschweifungen überraschen könnte. „Hoho!” sagte sie wieder. Jawohl, denn in Wirklichkeit sei sie ja ein desperates und ein liederliches Frauenzimmer, nicht wahr, die würden es schon sehen! Als sie einen dritten Fußtritt ausgeteilt hatte — war das nun nicht sehr, sehr viel? Hatte sie noch nicht genug getan? Es fehlte ja nur noch, daß sie leise wieherte.

O, das Ganze war sicherlich höchst anständig und unschuldig, aber es war eine betrübliche Vorstellung, und dieses Hin- und Herschwenken der alten Jungfer hätte ein Ofenrohr zum Lachen bringen können.

„Und wo ist Berntsen?” fragte sie plötzlich. „Ist er fortgegangen? Was meinst du, Mama, warum auch nicht, ich bin jetzt zu allem aufgelegt. Er steht vielleicht noch drunten vor dem Hause, soll ich ihn wieder heraufholen?” —

Dieses Opfer wurde indes nicht von Fia verlangt, sie hätte sich dieses großmütige Anerbieten sparen können, das Schicksal richtete es so ein, daß sie ihr bisheriges Leben fortsetzen konnte, ihr sittsames, mit viel Schönem geschmücktes Leben, genau wie vorher, warum hätte sie es da ändern sollen?