Und Scheldrup griff weiter ein. Es kam an den Tag, daß der gute Scheldrup gar nicht nur allein Geschäft war — wieso denn? Sein Herz konnte wahrhaftig mit ihm durchgehen! Eines Tages wanderte er um die Mittagszeit zu Grütze-Olsens, um seinen Antrittsbesuch zu machen, und dann ging er von dort weg — als Bräutigam. Hatte er da nicht eingegriffen? Es geschah so selbstverständlich, weder Scheldrup noch Fräulein Olsen sahen nach rechts oder links, sondern machten die Sache auf der Stelle ab. Die Dame bat nicht einmal darum, nobel behandelt zu werden, das Ganze war der Schlußstein einer Kinderliebe, beide erreichten, was sie wollten, beiden war es Bedürfnis. Es war gerade in den Tagen, wo Rechtsanwalt Fredriksen seine arbeitsvollen Wahlversammlungen hielt, da hatte er keine Gelegenheit, sich auf andern Schlachtfeldern einzufinden, um eine endgültige Auseinandersetzung zu verhindern, nun mochte es gehen, wie es wollte! Jawohl, gewählt wurde er ja — an der einen Stelle. Aber er wurde an einer andern verworfen. Wohl noch niemals hatte sich Rechtsanwalt Fredriksens so verrechnet: die wichtigste Wahl schlug fehl. Eine politische Niederlage hätte er ertragen können — bis zum nächsten Mal; aber Fräulein Olsens Entscheidung war ein Verlust für sein ganzes Leben. Nachher half alles nichts mehr, nicht nach ihrem Arme greifen, nicht mit einer Donnerstimme reden! Was hätte da noch helfen können?
Eine Zeitlang war er sehr schweigsam, wohl eine Woche lang. O, Rechtsanwalt Fredriksen war keineswegs verloren, seine Lebensfähigkeit war außerordentlich groß, er wollte vorwärts; aus dem Wege da! Er strebte nicht nach der großen Gewalt, er strebte nach der Hoheit und der Ehre eines Politikers im Landtag, er strebte nach Vermögen, nach Kleinstadtreichtum, dazu war er geschaffen. Und sollte er solche bescheidene Ziele nicht erreichen? Er ist ja schon viel, ist der Wortführer seiner Stadt, ist Landtagsabgeordneter, der Vorsitzende einer endlosen Kommission, in einiger Zeit ist er Justizminister! Was für ein Lebenslauf! Wer hätte so groß von ihm gedacht noch vor einigen Jahren, wo er abgeschabt und arbeitslos war, wo er sich keine Zigarren halten konnte, ja, wo er sich schließlich sogar beim Barbier Holte auf Kredit rasieren lassen mußte. „Ich hab' vergessen, Kleingeld mitzunehmen, schreiben Sie's auf — bis zum nächsten Mal!”
Fräulein Olsen hat ihm einen niederträchtigen Streich gespielt, aber er kann ihn überwinden. Rechtsanwalt Fredriksen wird so etwas immer überwinden, er wird sich noch an weiteren Kommissionen beteiligen, er wird eine reiche Frau bekommen, er wird von jetzt an den Barbier Holte jedesmal gleich bezahlen. Als Justizminister wird er in seinem Bureau das tun, was getan werden muß, mehr wird nicht erwartet. Einer seiner früheren Gefährten von den Bänken des Landtags wird ihn dies und jenes fragen, auf die eine oder andere administrative Aufgabe hinweisen, jawohl, der Justizminister verspricht, seine Aufmerksamkeit auf diese Sache zu richten, und der Abgeordnete dankt ihm dafür.
O, der Justizminister ist ein tüchtiger Mann, er wird seine Aufmerksamkeit immer auf etwas gerichtet haben, das fehlt nicht, er ist ein Mann, der vorwärts treibt, ist ein Führer, auf seinem Bureau werden große und kleine Geschäfte erledigt. Wer etwa fürchtet, Staatsrat Fredriksen werde etwas Ungewöhnliches tun, der kennt ihn nicht, er wird genau das tun, was notwendig ist, dazu ist er geschaffen. Er ist eines der Räder in der Maschine des Staates geworden, wenn die andern Räder sich im Kreise drehen, dreht er sich mit. Er ist auf schwache Auswechslung eingesetzt, er soll sich nicht schnell im Kreise drehen, er soll nur nicht stehen bleiben.
Er wird vermißt werden, wenn er stirbt.
30
Wieder ist Oliver in einer tüchtigen Patsche: seine Stellung im Lagerhause ist ihm aufgekündigt worden. Er geht zwar noch hin und versieht seinen Tagesdienst, aber wenn die Frist abgelaufen ist, sitzt er auf dem Trockenen. Das war doch zum Exempel das letzte, was man geglaubt hätte! Oliver ist tief geknickt.
Er geht zu Abel und redet mit ihm. Zu wem sonst sollte er auch gehen? Der Philologe Frank war ein gewaltiger Sprachkundiger, ein Lehrer der Menschen, aber die große Unterstützung, auf die der Vater wartete, hatte er noch nicht nach Hause geschickt, dagegen hieß es, er sei mit Konstanze Henriksen von der Werft fest verlobt. Ja, was half das Oliver!